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Das mache ich, aber anders (als alle anderen)

Oli Blognacht
Oli in der Blognacht

Alle freuen sich, dass sie noch normal sind, doch was Besonderes möchte jeder sein!

Das sang Zoff, aus dem Sauerland, die habe ich in meiner Jugend gehört: Sauerland, Sauerland!

Jetzt bin ich 50plus. Vielleicht die Zeit, in der viele Männer eine Midlife Crisis bekommen. Weil Ziele nicht erreicht wurden, weil das Selbstbild ins Wanken gerät, weil zwischen Anspruch und Wirklichkeit Lücken klaffen, die größer werden, von Jahr zu Jahr. Weil der kleine Bruder Porsche fährt und ich noch den 3er BMW. Hey Boomer, alles frisch? Spoiler: für den Boomer bin ich, glaube ich, knapp zu jung, Jahrgang 1968, ein Kind der Revolution.

Mir war es immer wichtig, anders zu sein.

Ich lasse diesen Satz mal eine Weile wirken. Mal sehen, wir er wirkt. Dann merke ich, ob er stimmt.

Vielleicht stimmt er.

Noch ein Spoiler: Ich nehme gerade an einer Blognacht teil. Auf dem anderen Bildschirm sehe ich schreibenden Menschen zu, in Zoom-Konferenz. Wir alle haben den Schreibimpuls bekommen:

Was mache ich anders als alle anderen?

Anders als "alle anderen" ist ein hoher Anspruch. Wie viele Menschen gibt es inzwischen auf unserem Erdenball? Acht Milliarden? 7.889.107.000 sagt das Worldometer, jetzt da ich den Beitrag beginne.

Ich bin selbständig in Teilzeit, weil ich gerne ortsunabhängig arbeiten möchte. Daher habe ich "was mit Schreiben" gegründet. Macht mich das schon einzigartig? Ich publiziere Texte im Selbstverlag. Das? Ich mag es Geschichten zu erzählen. Das?

Zu oberflächlich? Vielleicht muss ich spezifischer werden. Nicht so biografisch.

Blick zurück: ich glaube, es war mir immer wichtig, nicht Mainstream zu sein.

Zwei Wege boten sich mir dar und ich ging den, der weniger betreten war.

Auch dieses Zitat von Walt Whitman könnte auf mich zutreffen. Ich sitze gern abseits, beobachte. Ich stürze mich nicht ins Gewühl. Ich fuhr noch Fahrrad, als Freunde Moped fuhren. Ich reiste allein, genoss Zeit mit mir. Schon in den 80er-Jahren beunruhigte mich die fortschreitende Klimakrise. Ich ernährte mich fleischlos, fuhr über ein Jahr in keinem Auto mit. Nur um zu testen, ob es ging. Das nicht-Autofahren ging nicht dauerhaft, das kein-Fleisch-essen schon, inzwischen mehr als die Hälfte meines Lebens.

Mit dem nächsten Schritt, so vegan es geht zu leben, liebäugel ich, doch fällt mir die Umsetzung schwer. Denn ich bin froh, in der münsterländischen Kleinstadt in der Gaststätte überbackenen Camembert oder Mozzarella mit Tomate zu bekommen und nicht an 'ner nackschen Kartoffel rumbeissen zu müssen. Es ist also vor allem dem kargen Angebot geschuldet. In Münster, Berlin oder Köln, da lebte ich wohl bereits vegan. Oder wäre mir das dort wiederum zu mainstream? Müsste ich mir dann den nächsten Schritt suchen, um mich abzuheben von der Gruppe?

Gruppen habe ich denoch immer gesucht. Mitstreiter/innen in der Sache am liebsten. Ein gemeinsames Projekt, ein Thema, daran arbeiten. Ja, ich bin sogar in einer Partei. Zusammen mit rund 100.000 anderen in Deutschland.

Aber ich wollte ja etwas finden, was nicht 100.000 andere mit mir teilen.

Methodisch? Ich halte mich für geistig offen, neugierig, positiv. Ich höre gern zu. Gestehe anderen ein Recht auf eine eigene Meinung zu. Und bin doch traurig, wenn mein Gegenüber sich intolerant und engstirnig zeigt und jeder zweiten Schwurbelei mehr glaubt, als wissenschaftlich basierten Fakten.

Zoom Konferenz zur Blognacht
Noch alle wach? Blognacht mit Anna Koschinski auf Zoom

Was mache ich nur anders? Ich denke, ich muss es herunterbrechen können auf eine echten Slogan. Ein echtes Alleinstellungsmerkmal, ein USP: Ich bin der, der ...

Ich bin der, der ...

Mir gelingen oft humorvolle Texte (bleiben wir doch beim Thema des Abends, dem Bloggen). Ich schaffe es auch, manche komplexen Dinge einfach und anschaulich zu erklären. Denke ich jedenfalls.

Slogan, Versuch 1: Ich bin der, der komplexe Sachverhalte humorvoll erklären kann.

Ach, dann müsste ich doch schon längst bei Lach- und Sachgeschichten engagiert sein, oder? Und mache ich das deshalb anders, als alle anderen? Das machen dann ja Christoph und Armin und Eckard von Hirschhausen ebenfalls. Mit Eckard von Hirschhausen stand ich übrigens mal gemeinsam auf einer Bühne. 1990er-Jahre in der Scheinbar, eine Kleinkunstbühne in der Berliner Monumentenstraße, aber ich schweife ab. Mit Meret Becker stand ich übrigens auch schon mal auf einer Bühne, auf der Open Stage vom Jongliertreff im Böcklerpark, gleiche Zeit. Und auch mit Kurt Krömer, Open Stage "Schwarzer Kanal" in der Wagenburg an der Spree. Wie Comedy-Karrieren schon im zarten Alter auseinanderdriften können!

Slogan, Versuch 2: Ich bin der, der nicht Moderator oder Schauspieler geworden ist, und nun literarisch versucht, komplexe Sachverhalte humorvoll zu erklären.

Geht das durch? Passen tut es. Weshalb muss ich nur gerade an das kleine Ich-bin-Ich denken?

Aber es geht ja nicht ums Sein, sondern ums Tun. Was mache ich anders? Methodisch, methodisch, bleibe ich doch besser methodisch. WIE mache ich etwas, und zwar so, wie niemand anders?

Ich bin jetzt übrigens nur noch einer von 7.889.112.000 Menschen, sagt das Worldometer. Ich muss mich beeilen, mein Alleinstellungsanteil schrumpft!

Versuch Slogan 3: Ich erkläre Dinge schriftlich, dabei anschaulich, humorvoll und persönlich. (Und bin trotzdem kein Comedian geworden.)

Genieße das Leben und den Abend

Gerade bemerke ich, dass ich der einzige in der Runde des Zoom-Meetings bin, der Knabberzeug und ein Glas Wein parat hat. Es ist Freitag Abend, schon nach 21 Uhr, da darf das, finde ich. Aber zählt das auch zu meinem USP?

Slogan, Versuch 3: Ich erkläre Dinge schriftlich, dabei anschaulich, humorvoll und persönlich und versuche dabei, das Leben zu geniessen!

Ich habe diese Fischlis, die sind göttlich. Ich mag auch Salzstangen, Chips eigentlich auch, die sehe ich aber eher als Sauzeug. Zu fettig und schwupps weg. Fischlis sind knabberiger. Aber ich esse auch nicht jeden Abend beim Bloggen Knabberzeug. Ich blogge häufig und gern abends, das ist eine kreative Zeit. Aber ich schweife wieder ab. Obwohl es ja darum geht, was ich wie, also auch wann, mache. Ich blogge gern und viel, auch wenn man das auf diesem Blog nicht so mitbekommt, denn ich blogge auch noch hier und dort und auch beruflich.

Beim Schreiben mag ich übrigens das Assoziative. Vom Hölzken aufs Stöcksken kommen, sagt man in Westfalen. Ein wenig wie der Joycesche Bewußtseinsstrom, wenn ich es mal hoch ansetze. Das ist so wie schreiben, wie ich auch denke. Das müsste, so meine Theorie, auch beim Lesen so wirken, als ob ich dächte. Das kann ich schlecht nachvollziehen, da ich meine Texte ja so lese, wie ich denke. Aber ist es auch objektiv so lesbar, wie gedacht? Schwierig. Aber ich wage einen weiteren Ansatz:

Slogan, Versuch 4 : Ich erkläre Dinge schriftlich, dabei anschaulich, humorvoll und persönlich, gerne in assoziativen Gedankenketten und versuche dabei, das Leben zu geniessen!

Gib mir Struktur!

Ein weiterer Aspekt meiner Arbeit, das fällt mir bei diesem Artikel gerade besonders wegen der hübsch durchnummerierten Slogan-Versuche auf, ist die Struktur. Ich liebe Struktur. Manchmal frage ich mich, ob ich in Wahrheit ein Autist bin und es nicht bemerke und alle anderen einfach zu höflich sind, mir zu sagen, dass ich etwas sonderbar bin. Aber ich gehe davon aus, dass ich kein Autist bin, halt nur eine Vorliebe für Struktur habe.

Auch beim Schreiben und beim Bloggen hilft Struktur. Kreiere eine Kolumne, nenne sie Alltagsspuren und plötzlich siehst Du überall Alltagsspuren. Mache Donnerstagstexte, Sonntagsfotos, die Mittwochsmeinung und schon hast Du Anreiz und Inspiration, regelmäßig zu schreiben. Und sogar eine Deadline, perfekt! Alles nur wegen einer einmal festgelegten Struktur.

Eine Struktur schneidet aus der Unendlichkeit der Möglichkeiten eine endliche Anzahl heraus. Mit endlichen Möglichkeiten können wir umgehen, mit unendlichen nicht. So in etwa lehrte mich das Improvisationstheater, dem ich mich widmete, nachdem meine Comedykarriere viel zu früh beendet war, weil Eckart von Hirschhausen den Platz beim ZDF bekam und Kurt Krömer den beim RBB. Was solls!

Da ich aus jedem Lebensabschnitt etwas mitnehmen möchte, habe ich auch aus dieser Zeit etwas in meine Blogging-Kompetenzen herübergerettet: nämlich die helfende Struktur. Ich formuliere erneut:

Slogan, Versuch 5: Ich erkläre Dinge schriftlich, dabei anschaulich, humorvoll und persönlich, gerne in assoziativen Gedankenketten, dennoch mit Struktur und versuche dabei, das Leben zu geniessen!

... und ich schrecke auch vor langen Sätzen mit Nebensätzen nicht zurück!

A propos Leben geniessen: 22:15 Uhr, Feierabend! Die Blognacht würde mir noch 25 Minuten gönnen, doch ach!

Das Worldometer vermeldet 7.889.121.000 Menschen auf diesem, unserem Erdenball. Ich unterliege nicht der irrigen Annahme, einzigartig zu sein, doch was Besonderes möchte schließlich jeder sein!

PS: Sagte ich bereits, dass ich, anders als viele Blogerinnen und Blogger, sowohl ein E-Book, als auch ein Printexemplar mit eigenen Blogartikeln herausgegeben habe? Mehr USP geht heute nicht mehr, Nachti!


Die Blognacht ist eine Initiative von Anna Koschinski und findet regelmäßig monatlich statt. Danke für die Inspiration.

4 Gedanken zu „Das mache ich, aber anders (als alle anderen)

  1. Sabine

    Hut ab, lieber Oli! Da merke ich doch wiedermal, wie dilettantisch ich meinen Hausfrauenblog führe und versteck mich lieber ganz fix in meinem Mausloch. Die Blognacht fand ich super und werde auch nächstes Mal wieder mit dabei sein. Schließlich muss ich echt üben. Toll geschrieben! Ich hatte übrigens m&m's neben mir 😁

    Antworten
    1. oliverhuebner

      Danke, liebe Sabine, für Deinen Kommentar, schön, dass Dir der Artikel gefällt! Ich fand die Blognacht auf klasse, hat Spaß gemacht! Ich habe gar nicht gesehen, dass Du auch Knabberzeug dabei hattest! 🙂
      Du brauchst Dich nicht zu verstecken, Du schreibst so, wie Du schreibst und das ist wunderbar!

      Antworten
  2. Inge Schumacher

    Hi Oliver,
    schön, dass Du dabei warst gestern. Wie war das für Dich?
    Offensichtlich warst Du fleißig. Mit Worten kannst Du gut umgehen. Den Artikel habe ich bis zum Schluss gelesen.

    Ich schätze Anna und ihre Gruppe sehr. Dort wird Wertschätzung gelebt.
    Herzliche Grüße aus Hamburg
    Inge

    Antworten
    1. oliverhuebner

      Hallo Inge, danke für Deinen Kommentar und das Lob!
      Für mich war es ein ganz neues Erlebnis, sonst schreibe ich eher für mich. Gestern ging es aber ganz gut, es war auch ein Ansporn, weil es ja nach der verabredeten Zeit zurück in die Gruppe ging. Ja, Wertschätzung ist sehr wichtig! Die Gruppe zusammen mit Anna machte mir auch einen sehr vertrauten Eindruck, ich bin gerne wieder dabei!

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