Gartengeschichten: Sommer, der zweite und ein Leck in der Tonne

Der Sommer begann unter anderen Vorzeichen als der erste, in der Gartenkolonie am See, am Rande der Stadt. Und jäh sollte er enden.
Wir kannten inzwischen die Wege, die Nachbarn, die Geräusche. Wir wussten, wo auf der Terrasse der Sonnenschirm morgens seinen Platz hatte und wie im Tagesverlauf der Tisch und der Schirmständer wandern mussten, um dauerhaft im Schatten zu verweilen. Wir wussten, an welchen Tagen und bei welcher Windrichtung Rauchgeruch zu erwarten war, wann die Rasenmäher, die Heckenscheren und anderes schweres Gerät zum Einsatz kamen. Und wir wussten die Nuancen der nachbarlichen Blicke zu unterscheiden, auf einer Skala von „Schönes Wetter heute!“ bis „Na, was wächst denn da schon wieder!“
Nur die Laube. Ach, die Laube. Sie war in diesem Sommer kein heimeliger Ort. Eine Wand, die wir im vergangenen Herbst notdürftig ausgetauscht hatten, weitere Wände, die noch auf Morschheit geprüft werden wollten, und dann noch die Tropfen unter der Decke nach dem Starkregen im vergangenen Jahr – nein, die Laube sagte in diesem Sommer sehr laut: Ich bin Baustelle.
Und sie blieb es, denn der zweite Sommer brachte andere Aufgaben.
Unter der Erde
Eine davon lag ungefähr zwei Meter unter der Oberfläche. Unser Abwassertank war undicht.
Das hatte eine amtliche beziehungsweise fachkundige Prüfung ergeben. Der Wasserstand sank um rund einen halben Millimeter pro Stunde. Was zunächst nicht nach einer besonders dramatischen Geschwindigkeit klingt. Ein halber Millimeter. Kaum sichtbar. Bei einer Wasseroberfläche von etwa einem Quadratmeter entspricht das einem Verlust von 12 Litern am Tag, mehr als 4.000 Litern pro Jahr.
Was ich allerdings nicht verstand: Weshalb wurde der Tank denn dann voller und nicht leerer?
Dennoch verschob sich plötzlich die Priorität der Baustellen: Laube kann warten, Abwasser hat Vorfahrt. Stadtreinigung zum Abschlürfen buchen und dann buddeln. Zum Glück organisiert der Verein eine Sammelbestellung der neuen Tanks. Und so lange kein neues Abwasser produzieren. Das mit den Flaschen erkläre ich besser nicht.
Es passte jedoch vorzüglich, dass bereits die Klospülung ausgefallen war, als wir nach der Winterpause das Wasser wieder anstellen wollten. So konnten wir gleich doppelt die sanitären Anlagen nicht benutzen.
Stattdessen alles herausholen, was wir zum Graben im Schuppen hatten. Die ersten Kubikmeter Erde bewegten wir selbst. Wobei das „wir“ an dieser Stelle etwas großzügig formuliert ist. Meine Mitgärtnerin erwies sich als deutlich ausdauernder beim Schaufeln und beim Organisieren von Schaufelgemeinschaften.
Dennoch war irgendwann klar: Mit Spaten, Schaufel, Muskelkraft und gutem Willen allein wird das nichts.
Das schöne Schätzchen
Ein Fachkräfteteam rückte an. Mit Geräten.
Die Grube wurde tiefer und breiter, am Ende ungefähr zwei Meter tief und drei mal zwei Meter in der Fläche.
Und da war er nun. Der Protagonist, der undichte Schelm, das Objekt des Missfallens. Fahlgelb, schrumpelig, hier und dort eingedötscht und sichtbar rissig. Freund Abwassertank, besser Freundchen. Kein Wunder, dass der nicht mehr dicht war. Hatte wohl auch seine 30 Jahre auf dem Buckel.
Die Firma nahm die Tonne mit.
Ein großes Loch blieb.
Zehn Tanks
Nun noch den neuen Tank irgendwie da reinbekommen! Und nein, der Verein organisierte doch nicht. Ratlos fanden alle mit Leckage sich zusammen, die Mitgärtnerin fand schließlich heraus, wie und was und wo und wie teuer.
Nach einer vertagten Lieferung war es dann ein logistisches Wunder, dass zehn Tanks den Weg in die Gartenkolonie fanden und der Weitertransport zu den Parzellen, mit Wucht über Hecken oder in Millimeterarbeit durch die schmalen Gartentore, recht reibungslos an einem Nachmittag über die Bühne ging.
Puh. Schwitz.
Ach so, nun noch anschließen (hoffentlich passt das Rohr), füllen (mit Regen- und Frischwasser), erneut auf Dichtigkeit prüfen, Pumpe kaufen, um das Wasser zurück in die Regentonnen zu bekommen, die Klospülung reparieren und dann der große Moment: Spülen, es fließt, kommt an. Läuft.
Woche für Woche schrumpften die Erdhügel auf den in diesem Frühjahr leider ungenutzten Beetflächen. Feinstens gesiebt, denn so ein Steinchen, das möge bitte nicht am wunderbar dichten neuen Abwassertank kratzen.
Der Garten wartet nicht
Der Sommer hatte noch ein paar Tage übrig. Nun hätte man sich eigentlich auf die Terrasse setzen können.
Nur hatte der Garten währenddessen nicht gewartet.
So sind Gärten nun mal. Da wächst und gedeiht es. Wenn auch nicht immer das, was soll.
Giersch und Ackerwinde hatten jedenfalls nicht beschlossen, angesichts der Bauarbeiten eine Wachstumspause einzulegen. Auch der Sauerklee zeigte wenig Verständnis für unsere anderweitige Beschäftigung.
Und dann war da die Hirse.
Der neue Hauptgegner.
Sie stand dort, wo sie nicht stehen sollte, und hatte fieses Wurzelwerk.
Die Brombeeren wiederum hatten begonnen, sich für die Nachbarparzelle zu interessieren. Einige ihrer Triebe waren bereits auf Erkundungstour.
Also wurde gezupft, geschnitten, gezogen.
Und, weil Sommer war, auch noch fix was gepflanzt, was einen kleinen Ernteerfolg versprach.
Wir entwickelten einen neuen Blick auf das Gartenjahr. Nicht mehr: Was wollen wir Schönes anbauen? Sondern: Was davon schaffen wir noch?
Die Terrasse lief nicht weg. Der See auch nicht. Wurde aber meist auf morgen, oft auf übermorgen verschoben.
Wieder die Kraniche
Irgendwann waren die Brombeeren abgeerntet und ihre langen Triebe gestutzt. Die Beete waren im Groben wieder vom Wildwuchs befreit. Hier und dort reckte sich Gemüse gen Himmel, bei dem zumindest Hoffnung bestand, dass daraus noch eine Ernte werden könnte.
Und dann waren sie plötzlich wieder da.
Die ersten Kraniche.
Sie zogen hoch über der Gartenkolonie ihre Kreise und nutzten die Thermik über der Stadt, um an Höhe zu gewinnen. Ihr Tröten war laut zu hören, bevor man sie am Himmel entdeckte.
Sie flogen Richtung Winterquartier, schon.
Dabei waren wir doch gerade erst mit dem Abwassertank fertig.
Der zweite Sommer in der Gartenkolonie am See, am Rande der Stadt, hatte uns immerhin etwas beigebracht:
Man kann einen Garten ein Jahr lang kennen und sich im zweiten trotzdem wieder wundern.
Der See lag derweil ganz ruhig. Und die Terrasse? Sie hoffte wohl auf ein paar warme Tage im Herbst.
Die Gartengeschichten, auftretende Personen, Situationen und Gegebenheiten, auch die Person des fiktiven Ich-Erzählers, sind frei erfunden und/oder literarisch überhöht. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und real existierenden Gartenkolonien sind rein zufällig.
