Lesebühnentext: Alternativlos – Mit fake, fake News auf Stimmenfang
Guten Tag. Ich möchte mit Ihnen gerne über Politik reden. Haben Sie einen Moment Zeit? Danke, sehr freundlich. Vielleicht stelle ich mich erst einmal vor. Ich heiße Herr Ndtböcke. Herr und dann Ndtböcke, also Herr Ndtböcke. Ja, ist ein komischer Name, aber das soll hier keine Rolle spielen.
Ich habe nämlich eine neue Partei gegründet, die AfA. Und nun brauche ich Ihre Unterschrift, damit wir für den Bundestag kandidieren dürfen. AfA, das steht für Alternative für die Alternative. Genau.
Schauen Sie mal, es ist doch einfach. Wir erzählen Ihnen einfach nicht, was wir wirklich wollen, sondern erfundene Fakten, aber erfundene erfundene Fakten. Also erfundene Fakten, die erfunden wurden. Trotzdem natürlich Fakten, weil es quasi alternative Fakten sind, aber eben erfundene. Verstehen Sie?
Ja, ja, so macht es diese andere sogenannte alternative Partei auch, das ist richtig. So gesehen braucht es keine Alternative zur Alternative. Mal davon abgesehen, dass schon die Alternative schon überflüssig ist.
Aber, und jetzt kommt der springende Punkt – der springende Prozentpunkt sozusagen, ha-ha, kleiner Scherz meinerseits – Die AfA soll ja auch das politische Vakuum füllen, das die Grünen hinterlassen haben. Ja, nur weil die plötzlich kaum noch einer wählen will, heißt es ja nicht, dass Themen wie Umweltschutz und Klima jetzt obsolet sind. Im Gegenteil. Aber mit Klimaschutz kann man heute ja keinem mehr kommen. Das überzeugt niemanden, der vernünftig ist. Da wäre man ja auch schön doof, genau, Sie verstehen mich.
Der Chinese lacht sich schlapp, baut zehn neue Kohlekraftwerke und überholt uns trotzdem auf dem Elektroautomarkt. Genau. Und es soll Ihnen schließlich niemand Ihre zwei Mallorca-Urlaube pro Jahr, Ihre langen Wochenenden in New York und Ihre Kreuzfahrten wegnehmen. Genau, Sie verstehen mich. Also, und das ist jetzt wirklich der springende Punkt: Die AfA macht es da nämlich wirklich geschickt.
Wir haben batürlch auch ein Wahlprogramm, ja, da steht drin, was wir wollen. Und da kommt man um Aussagen zum Klimaschutz nicht drum herum. Aber mal ehrlich, lesen tut das doch niemand! Entscheidend ist doch, was wir in Talkshows sagen! Und wie wir erfolgreich die Politik der anderen Parteien sabotieren. Oder? Und da kommen die erfundenen, erfundenen Fakten ins Spiel!
Schauen Sie, das ist unser Fünfjahresplan bis zur Machtergr. … äh, Regierungsbeteiligung. Wir holen zunächst die Menschen da ab, wo sie stehen. Aber wo stehen die Menschen denn? Genau, sie regen sich am liebsten auf!
Dafür brauchen wir zunächst Randgruppen, Minderheiten und sozial Benachteiligte, denen wir die Schuld geben können. Sie müssen natürlich auch als Projektionsfläche für den alltäglichen Ärger geeignet sein. Ausländer, der öffentlich-rechtliche Rundfunk und vegane Klimaaktivisten beziehungsweise die Grünen – das geht ja nicht mehr. Ist ja quasi schon von dieser anderen sogenannten alternativen Partei besetzt. Und wir wollen ja gerade die AfA sein. Da müssen wir schon etwas Besseres anbieten.
Also, hier unser Plan: Das Saarland ist an allem schuld!
Ja, lassen Sie das mal einen kurzen Moment sacken. Das Saarland ist an allem schuld. Haben Sie schon mal überlegt, weshalb es immer als Referenzmaß für Größeneinheiten genommen wird? Sehen Sie! Das ist völlig unbegründet, das kann man im Norden doch niemandem erklären, oder? Wussten Sie, dass Oskar Lafontaine aus dem Saarland kommt? Nah an Frankreich und dann der Name La Fontaine. Na, wir wollen uns doch nicht von Frankreich unterbuttern lassen, oder?
Richtig. Das Saarland trägt als einzige Zielgruppe noch nicht wiklich. Als zweites haben wir daher Handballer ausgewählt und als drittes alle Menschen, die karierte Socken tragen. Das sollte ausreichen.
Ich verstehe Ihren Einwand, das sei beliebig. Aber das machen wir in dem Punkt genauso wie diese andere sogenannte Alternative. Ob nun Muslime, Homosexuelle und Elektroautobefürworter oder Saarländer, Handballer und Träger karierter Socken – ich erspare Ihnen die dazugehörigen -innen, die wir selbstverständlich mitmeinen. Das erspart uns beiden viel Zeit, genau, Sie verstehen mich.
Das Entscheidende an der Auswahl der Sündenböcke ist ja nicht, dass es einen Sinn ergibt, sondern nur, dass sich genügend Menschen vorstellen können, dass es einen Sinn ergibt.
Hier, wir haben einen fertigen Plan, wie wir genügend Empörung gegenüber diesen Minderheiten erzielen. Memes für soziale Medien, Zeitungsanzeigen – wir haben schon mal ganz vorsichtig bei einigen reichweitenstarken Medien angefragt, da war man gar nicht so abgeneigt. Eine weitere Front der gesellschaftlichen Spaltung wird da durchaus gustiert. Und wenn die erst einmal loslegen, dann dauert es nicht lange, bis es auch in den großen überregionalen Medien und in Ihrer Lokalzeitung angekommen ist.
Lesen Sie eine Lokalzeitung? Nein? Wozu auch, da bin ich ganz bei Ihnen.
Also, schauen Sie mal hier: Zu blöd für Fußball? Dann spiel doch Handball! Lustig, oder? Oder hier: Früher waren die Socken rot, heute kariert! Zack, schon haben wir alle getriggert, alle empören sich und teilen unsere Beiträge. Das ist der Plan. Perfekt, oder?
Und wenn wir dann erst im Parlament und in allen Talkshows sind, dann lenken wir einfach jede Debatte auf unsere Themen. Dann werden Saarländer, Handballer und diese Kariertsockenträger keinen Spaß mehr haben, das können Sie mir glauben. Tut mir für die einzelnen Menschen leid, aber da können wir keine Rücksicht nehmen. Es geht ja um das große Ganze.
Ja, und wenn wir in fünf Jahren in den Landesregierungen sitzen, dann machen wir klammheimlich Klimaschutz. Nur merken darf es halt keiner.
So, ich will Sie aber auch nicht länger aufhalten. Darf ich nun Ihre Unterschrift für unsere Kandidatur bekommen? Spenden nehmen wir auch gern entgegen.
Nein?
Darf ich fragen, welche Socken Sie tragen?
Geschrieben im September 2024 für die Schweriner Lesebühne 3 auf A4
