Lesebühnentext: Hörensagen – Reise an die Gerüchteküste

Hörensagen
In der Barkassen-Bar an der Gerüchteküste, Illustration KI

Gern möchte ich Euch berichten von einem sagenhaften Abenteuer. Lange, sehr lange schon nämlich wollte ich an die Gerüchteküste reisen.
Dort solle es, so sagt man, ganz einzigartige Seemannsgarnelen geben. Man kaufe sie kalt, so die Berichte, und bringe sie sogleich zum Aufwärmen nach Backbord. Seine staatlichen Abgaben hingegen müsse man an Steuerbord entrichten. Diese, so besagen es alte Reiseberichte, könne man aber direkt an der Barkasse einzahlen. Wer aber kein Bargeld dabei habe, so steht es in den Aufzeichnungen, müsse vorher zur Sandbank gehen, um einige Däne-Mark aus dem Scheinwerfer zu ziehen. Das gehe aber nur bei Ebbe, denn wolle man zur Sandbank gehen, dann müsse man die Gehzeiten beachten.

So war ich eines Sonntags nun vor Ort und hatte alles verinnerlicht, was die Chronologien berichteten und beherzigt, was die Reiseführer hergaben.

In der Barkassen-Bar maß ich mit dem Brotmesser maß zwei Scheiben des Brotes für das Frühstück ab. Sie waren gerade dick genug für mein Garnelenbrot. Ich garnierte es mit Ess-ich-gern und Öl-Sardinen, auch mit etwas Pfeffer und Dill.

„Jung, du wirst doch keinen Dill auf dat Garnelenbrot nich’ tun!“

Erst jetzt bemerkte ich den kräftigen Seebären mit Augenklappe und Papagei auf der Schulter hinterm Tresen der Barkassen-Bar.

„Dill geht nur mit Krill, Jung!“, ergänzte dieser, als ich ihn fragend anschaute.

„Willst du mir etwa sagen, was ich essen soll, und kannst selbst nicht mal einen Kreisumfang berechnen!“, entgegnete ich noch unerschrocken.

„Da hast du auch wieder Recht!“, gab der Alte kleinlaut zu, „aber: Ich kann zwar nur Pi raten, dafür kann ich aber auch Hai raten! Der Hai, der dich gleich fressen wird, ist bestimmt ein Hammerhai!“

„Au, Hammer!“, dachte ich, die Situation begann mir aus der Hand zu gleiten. Zum Glück hatte ich den Rat von Käpt’n Blaubeer befolgt und mir Piratencreme aufgetragen, so konnte der Seeräuber mir nichts anhaben.

Falls doch, dann solle die Gerichtsbarkeit der Gerüchteküste gar nicht so übel sein, sagt man jedenfalls. Zumindest gab es gute Garnelengerichte. Ob die mir aber gegen die Aussicht auf Kielholen helfen würden? Darauf wollte ich mich nicht verlassen. Zur Vorsicht ging ich vom Buffet eine Portion Kieler Sprotten holen, so könnte ich mich immer noch rausreden.

Der alte Seebär jedenfalls schien sein Interesse an mir verloren zu haben, Piratencreme sei Dank!

Ich nahm Platz und bestellte mein Getränk: „Ein Heißgetränk aus artgerechter Käffchenhaltung, bitte!“

„Käffchen is aus!“, brummte die gastronomische Fachangestellte, „aber wir hätten noch Tee mit Schnee! Aber nur in kalt.“

Ich willigte ein, ohne mich zu wundern, wo die Barkassen-Bar zu dieser Jahreszeit Schnee herbekommen könnte.

„Gibt es auch noch von den Nudeln mit Pudeln?“, fragte ich.

„Nein, nur noch Reis mit Schweiß.“

Das akzeptierte ich. Wollte ich mich nach den Garnelen doch wieder verstärkt vegetarischen Speisen zuwenden.

Als ich gerade vom Reis löffelte, ertönte ein Ping in meiner Hosentasche. Eine Textnachricht auf meinem Handy:

„Guten Tag verehrte Reisende, die kommende Woche wird Ihnen präsentiert von der Deutschen Bahn. Die Woche wird in umgekehrter Tagesreihung bereitgestellt, Montag bis Freitag finden Sie in den Wochenabschnitten C bis G, Sonnabend und Sonntag in den Abschnitten A und B. Wir wünschen Ihnen weiterhin eine gute Reise.“

Ach gut, dachte ich, dann kann ich morgen ja ausschlafen.


Lesebühnentext, vorgetragen am 26.03.2026 auf der Lesung von „3 auf A4“ mit dem Thema „Frühstück“

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