Ostwärts, westwärts – Heimaten

SN und SB
Gameification: Schwerin trifft Saarbrücken, mit Hilfe von KI erzeugt

Was meine Zugehörigkeit zu einer Region angeht, bin ich wenig monogam. Vielleicht bin ich multi-heimat-tüchtig. „Heimaten“ ist daher für mich kein Verb, sondern ein naheliegender Plural.

Ein Studienfreund aus Berlin arbeitete nach seiner Promotion bei einer Beratungsagentur, die sich mit Zukunftsforschung und Technikfolgenabschätzung beschäftigte. Er sprach von Zukünften, wenn er unterschiedliche Szenarien ausarbeitete. Damals stolperte ich über diese Pluralform. Heute erscheint sie mir plausibel. Ebenso wie der Plural von Heimat: Heimaten.

Rübergemacht, könnte ich auch  sagen. Hier angekommen, dort noch verwurzelt. Restverwurzelt. Wurzelreste.

In meiner Studienzeit in Berlin fuhr ich täglich mit dem Fahrrad von Kreuzberg nach Dahlem und zurück. 45 Minuten ein Weg, 13 Kilometer. Es war 1991. Dem Autoverkehr gegenüber war ich eher skeptisch eingestellt, doch er bot mir etwas sehr Interessantes: lauter neue Autokennzeichen.

Auf der Fahrt machte ich häufig ein Spiel daraus: Ich sammelte Landeshauptstädte. Gamification der Fahrtstrecke würde ich heute sagen. Das war vor allem bei den ostdeutschen Bundesländern nicht einfach, denn viele Autos von dort waren noch mit DDR-Kennzeichen unterwegs. Die westlichen Landeshauptstädte, das war einfach, sogar das kleine und ferne Saarbrücken erspähte ich täglich. Von den östlichen Landeshauptstädten fehlten mir dagegen meistens zwei: Erfurt und Schwerin.

So wurde ein SN-Kennzeichen in einer Zeit, in der es rar war, ausgesprochen wertvoll.

Berlin jedenfalls: Da fühlte ich mich heimisch. Ich kannte Kieze und Ecken, übernahm diese passiv-aggressive Grundhaltung samt Idiom: icke, ditte, kieke ma. Und doch sammelte ich neben Autokennzeichen auch Landsleute. Mein Freundeskreis in den frühen Semestern kam, so wie ich, aus Westfalen.

Übrigens fiel mir erst in Berlin auf, dass ich keineswegs Hochdeutsch sprach, wie ich immer gedacht hatte. Sondern Ruhrpottslang.

Nun war ich also Westfale in Berlin. Hömma plus kieke ma. Kiezmische.

Heimat aber, das war zunächst weiterhin die alte Heimat, die der Schulzeit, in die ich zu Weihnachten fuhr und in der ich einen nicht geringen Teil der Semesterferien verbrachte.

Gegen Ende meines Studiums kam eine weitere dazu. Ein Auslandsjahr in Amsterdam. Ich lernte die Sprache und die Menschen eines Landes kennen, das ich vorher schon viel bereist hatte. Auch dort stellte sich irgendwann dieses Gefühl ein, das für mich viel mit Heimat zu tun hat: sich nicht mehr orientieren zu müssen. Zu wissen, welche Brücke man über welche Gracht nehmen muss, um in die richtige Richtung zu kommen. Erst wohnte ich im Stadtbezirk Oost, später in Oud-West. Eine Ost-West-Geschichte, nur woanders verortet.

Die nächste Heimat wurde Mecklenburg. Mitte der Nullerjahre.

Dort dauerte es alerdings, bis ich ankam. Der oder die Mecklenburger*in ist ja eher menschenscheu. Was mich als wortkargen Westfalen anspricht. Oder eben nicht anspricht, sondern anschweigt, aber eben auf sympathisch, da es mir entspricht.

Zwar ergibt, mathematisch betrachtet, Minus mal Minus Plus. Wortkarg plus wortkarg aber keineswegs ein Gespräch. Die Folge zunächst: Schweigen.

Das erforderte einen Trick. Die Lesebühne.

Ich durfte Geschriebenes vorlesen. Menschen waren befreit und zugleich gezwungen, mir zuzuhören, denn weglaufen ging schlecht. So ergaben sich Anknüpfungspunkte, aus Anknüpfungspunkten Kontakte und aus Kontakten über die Jahre: Ein Zuhause, eine Heimat sogar.

Eine Heimat, die ich später in Teilzeit wieder aufgab, oder besser gesagt: teilen musste, weil die alte Heimat beruflich wieder anklopfte.

So entstand über die Jahre ein Konglomerat aus Heimaten. Westfalen. Berlin. Mecklenburg. Ein bisschen Amsterdam. Orte, die sehr verschieden sind und trotzdem jeweils etwas in mir auslösen, das ich Heimat nennen würde.

Vielleicht beginnt Heimat dort, wo man nicht mehr nachdenken muss. Wo man weiß, an welchem Tag die Lieblingskneipe Ruhetag hat und welche Schleichwege mit dem Fahrrad passabel sind.

Und eine neue Heimat muss auch gar nicht verdrängen, was vorher Heimat war.

So fügten sich Ost und West zusammen: Heimaten. Ich habe etwas dazubekommen. Sprache, Landschaft, Menschen, Gewohnheiten. Heimat als Addition.

Und da wären wir wieder bei den Autokennzeichen.

Viele Jahre nach meinen Berliner Fahrradtouren durfte ich erstmals mit einem Auto mit SN-Kennzeichen fahren. Abgesehen davon, dass ich damit schädliche Abgase hinterlasse, es ist noch ein Diesel, rede ich mir ein, durch mein Kennzeichen einen wertvollen, da in manchen Regionen noch seltenen, Beitrag zum Straßenverkehr zu leisten.

Und manchmal wünsche ich mir insgeheim, dass irgendwo jemand mein Kennzeichen sieht und sich für einen Moment freut:

Schwerin. Check für heute!

Und jetzt fehlt vielleicht noch Erfurt. Vielleicht auch Saarbrücken. Denn der Osten holt auf!

Ostwärts, westwärts – Die Kolumne über ein geteiltes? Land

Ostwärts – Westwärts ist eine Kolumne über Ost und West, über regionale Prägungen, Missverständnisse, Erinnerungen und Gegenwart. Ich schreibe sie als gebürtiger Westfale, der seit vielen Jahren in Mecklenburg lebt und zwischen beiden Regionen pendelt. Mich interessiert, was von der deutschen Teilung bleibt, wo alte Bilder nicht mehr stimmen, wo neue Gräben entstehen. Und wo das Gemeinsame manchmal näher liegt, als es auf den ersten Blick scheint.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*