Ostwärts, westwärts – Mein persönlicher Föderalismus

Persönlicher Föderalismus
Das Bundesindividuum – Persönlicher Föderalismus, Grafik: KI

Mein persönlicher Föderalismus

Föderalismus ist eine tolle Sache. Finde ich. Überhaupt ermöglicht Föderalismus erst, dass sich regionale Besonderheiten, sogar regionale Befindlichkeiten, in jedem Fall regionale Eigenheiten, unter einem großen gemeinsamen Dach wiederfinden können. Dort können Kooperation, manchmal sogar Solidarität entstehen, zum Nutzen aller. Synergie könnte man es nennen, denn es profitieren alle davon, ihre eigenen Bräuche, Mätzchen und Spinnereien zu pflegen und dennoch Teil eines größeren Gemeinwesens zu sein.

Jedenfalls ist es für mich Föderalismus im besten Sinne des Wortes, wenn, sagen wir mal auf der Grünen Woche in Berlin, Backfischbrötchen aus Husum, Weißwurst aus München, Oldenburger Grünkohl und Spreewaldgurken unter einem Hallendach feilgeboten werden. Und wenn auf der Partymeile der Altstadt neben Kölsch auch rheinland-pfälzisches Pils, fränkisches Helles und Thüringer Schwarzbier im Ausschank sind. Ein Land, trotzdem Vielfalt. Super!

Und ich gönne dem Bundesland im Südosten der Republik den Traum vom Freistaat und einige Eskapaden, die es vom Rest der Republik unterscheiden sollen. So wie ich den Ostfriesen ihren Tee mit Sahnetröpfchen und Kandiszucker gönne, den sie liebevoll Kluntjes nennen. Muss ich nicht mitmachen, aber schön, dass sie dazugehören.

Trotz aller Stammtischparolen: Im Großen und Ganzen funktioniert es in diesem unseren Land doch gar nicht so schlecht, angesichts der Tatsache, wie unterschiedlich die Menschen in Magdeburg und Mannheim manchmal sind.

Das Bundesindividuum

Schwierig wird es nach meiner Erfahrung, wenn sich der Föderalismus im Kleinen meldet. Im Individuum. In mir zum Beispiel. Ich habe bereits in mehreren Regionen gewohnt und aktuell pendle ich zwischen zwei Bundesländern, auf der Fahrt komme ich dabei regelmäßig durch weitere vier. Ich könnte mich als Bundesindividuum Oliver H. betrachten und dabei so einiges Interessantes über mich herausfinden. Vielleicht würde ich mich dann endlich verstehen!

Gebürtig stamme ich aus Westfalen und lebe dort seit einigen Jahren wieder mit zweitem Wohnsitz. Randlage Ruhrgebiet. Das macht schon mal 49 Prozent meiner Persönlichkeit aus. Mein Hauptwohnsitz seit mehr als 20 Jahren, Mecklenburg schlägt mit 24,5 Prozent zu Buche. Berlin war 15 Jahre lang Studien- und Wohnort, und das in sehr prägenden Zeiten. Ich sage nur: 1989. Das möchte ich noch mit 10 Prozent anrechnen, wenn das nicht sogar recht niedrig angesetzt ist.

Die verbleibenden 14,5 Prozent teile ich zwischen den Niederlanden und Sachsen auf. Auch nach vielen Jahren und trotz eines Aufenthalts von nur einem Studienjahr in Amsterdam, ist mir die niederländische Sprache vertraut und ich bekomme oft Heimweh nach den Grachten. Mein Blick geht und meine Wege führen mich noch immer regelmäßig ins Nachbarland der Polder und Windmühlen. Für mich klare 7 Prozent am Persönlichkeitsanteil.

Die verbleibenden 7,5 Prozent fühle ich mich, wenn auch nicht sächsisch, so doch als herzlich aufgenommener Schwiegersachse. Leipzig und das Umland sind mir über viele Jahre und Besuche bei der Schwiegerfamilie vertraut, der weiche, gemütliche Tonfall ist mir angenehm im Ohr. In der Summe macht das nun 100. Zumindest ungefähr. Ob die Zahlen nun ganz exakt passen, ist kaum zu sagen und oft auch von der Tagesform oder dem Kontext abhängig, aber rechnen lässt sich damit ganz vorzüglich.

Koalitionsverhandlungen am Küchentisch

Aber: Wie äußert sich denn nun dieser „innere Föderalismus“? Schon bei banalen Dingen fangen die Probleme an, alle Befindlichkeiten und Besonderheiten meiner regionalen Anteile unter einen Hut zu bekommen. Was koche ich heute? Was unternehme ich am Wochenende?

Wenn sich Westfalen und Mecklenburg einig sind, ist alles klar: Mach ruhig, gestern hat’s doch auch geschmeckt, weshalb also heute den Speiseplan ändern? Die große Koalition aus westfälischem Phlegma und mecklenburgischer Verschlafenheit. Da hilft kein fester Wille, noch heute Großes zu vollbringen. Gewohnt ist gut, der Plan von gestern auch für heute schnell akzeptiert. Never change a winning team! Hat das nicht Jürgen Klopp gesagt? Dann passt das!

Doch wenn sich das wilde Berlin und das kreative Amsterdam mal einig sind, wenn sich Sachsen überreden lässt, aus seiner Gemütlichkeit herauszukommen, und Mecklenburg nicht dagegenhält, dann sind Wundertaten möglich. 51 Prozent. Ätsch, Westfalen! Solche Tage muss ich nutzen. Dann gibt es Fettuccine mit Trüffelcreme, und ich fange endlich an, Esperanto zu lernen.

Der Einigungsprozess indes ist häufig kompliziert. Denn selbst wenn ein Beschluss im Interesse eines Persönlichkeitsanteils wäre, heißt das noch lange nicht, dass dieser Anteil dem auch zustimmt. Persönlichkeitsanteile haben ein eigenes Seelenleben. Höchst sensibel! Wird ein Anteil zu wenig gewürdigt oder übergangen, wird er bei den nächsten inneren Verhandlungen vermutlich wenig kompromissfähig sein. Gegen diese Blockadehaltung hilft es manchmal nur, dem widerspenstigen Anteil zwei bis drei Bier zu widmen. Aber eine Garantie ist selbst das nicht.

Blickrichtungen statt Landkarte

Aber sind die inneren Regionen einfach biografische Ablagerungen? Spuren, die Orte in meinem Stammhirn hinterlassen haben? Ich glaube, es sind Blickrichtungen, die ich gelernt, mir langsam vor Ort antrainiert habe. Beim Kneipenabend auf der Wiener Straße – Kreuzberger Nächte! –, beim Radeln an den Grachten, auf der Südtribüne im Westfalenstadion, beim Grillen mit dem Schwiegervater oder beim Baden im Schweriner See.

Und wenn sich ein „Wat?“, ein „Hömma!“ oder ein „Moin“ einschleicht, merke ich, wie adaptiv das Stammhirn ist. Wenn die Verhandlungen beginnen, dann nicht anhand einer äußeren Landkarte. Dann berufe ich meine innere Ministerpräsidentenkonferenz ein, in der selten Einigkeit herrscht, aber erstaunlich oft Brauchbares beschlossen wird.

Die Reform muss warten

Trotzdem: Es ist kompliziert. Geht das nicht auch einfacher? Über kurz oder lang muss die Föderalismusreform her. Nicht, dass ich verhungern würde oder meine Wochenenden grundsätzlich auf dem Sofa verbrächte. Nur wird die Entscheidungsfindung mit zunehmender Diversifikation zusehends schwieriger.

Aus dem Bundesindividuum muss wieder das Selbst-Souverän werden, der Persönlichkeits-Präsident, der Daseins-Diktator.

Aber nicht mehr heute. Heute spendiere ich dem Westfalen erst einmal ein mecklenburgisches Bier.


Ostwärts, westwärts – Die Kolumne über ein geteiltes? Land

Ostwärts – Westwärts ist eine Kolumne über Ost und West, über regionale Prägungen, Missverständnisse, Erinnerungen und Gegenwart. Ich schreibe sie als gebürtiger Westfale, der seit vielen Jahren in Mecklenburg lebt und zwischen beiden Regionen pendelt. Mich interessiert, was von der deutschen Teilung bleibt, wo alte Bilder nicht mehr stimmen, wo neue Gräben entstehen – und wo das Gemeinsame manchmal näher liegt, als es auf den ersten Blick scheint.

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