Ostwärts, westwärts – Wolkenarithmetik, Vereinigungslogik

Es gab in der Schule im Matheunterricht immer diesen Witz: Wie viele Wolken sind eine Wolke plus eine Wolke? Klar: eine Wolke, eben nur eine größere.
Hier versagt die numerische Rechnung. 1 + 1 = 1, klingt seltsam, kann im Fall von Wolken aber tatsächlich zutreffen. Und wie sieht das mit Ländern aus, die sich vereinigen? Unser Land, wie es heute besteht, wurde vor 36 Jahren aus zwei Ländern zusammengefügt. Zwei Länder, die zuvor 40 Jahre getrennt waren, davor schon mal zusammengehörten, und wenn man noch weiter zurückblickt, wird es schwierig bis fragmentarisch oder sogar fraktal. Aber im Jahr 1990 wurde gesagt: So, ihr dürft nun wieder zusammengehören. Macht was draus!
Aber gilt für Länder die einfache Formel: 1 + 1 = 1? In der Theorie irgendwie schon, man muss dafür nur in den Weltatlas schauen. Nur scheint das in der Praxis schwieriger, da mit zwei Ländern auch die Menschen beider Länder quasi addiert werden. Und ob die sich nun auch wie Eins, sprich vereinigt fühlen, das hängt von einer ganzen Reihe von Faktoren ab.
Und dort, wo die Erfahrungen der Menschen in den beiden Ländern grundverschieden sind, scheint eine Addition zumindest schwieriger, als es bei den homogenen Molekülen zweier Wolken der Fall ist. 36 Jahre sind eine lange Zeit. Allein die Tatsache, dass wir heute noch, ebenso aktuell wie vor 30 Jahren, über dieses Thema reden und streiten, zeigt, dass es doch noch relevant ist. Und wenn ich da ganz richtig hinschaue, sogar zunehmend relevanter. Selbst für Menschen, die in das Doppelland hineingeboren wurden.
Schwierig wird es vor allem dort, wo sich zwei Teile mit unterschiedlicher Gewichtung verbinden. Bleiben wir beim Vergleich mit den Wolken. Die Wolke, die vor der Addition bereits 75 % der Wolkenmoleküle besaß, wird denken – mal unterstellt, dass Wolken denken können – „Okay, etwas größer, ganz nett, passt.“ Die zuvor kleinere Wolke wird ganz sicher ob der neuen Thermik, der Relation zu den nun eher kleineren entgegenkommenden Wolken verunsichert sein und sich an das neue Große-Wolke-Gefühl gewöhnen müssen. Und das unter der Annahme einer homogenen Vereinigung. Bei zwei Ländern, die zuvor unterschiedlichen politischen Hemisphären angehörten, kommt noch einiges an Gewöhnungsbedürftigkeit hinzu.
Aber nehmen wir uns die Zeit, uns aneinander zu gewöhnen? Und müsste man dafür nicht zunächst einmal wissen, wer da drüben überhaupt wohnt?
Mit ist aber gerade das Hinsehen wichtig. Ich sehe es als ein Privileg an, beide Seiten zu kennen. Sogar als mein persönliches Glück empfinde ich es, Teil beider Länder zu sein. Das war ich nicht immer, das habe ich mir seit 37 Jahren, ich will nicht sagen hart, aber doch, erarbeitet. Weil ich nah dran war, als im November 1989 Menschen auf der Berliner Mauer tanzten. Weil ich also dabei sein konnte und weil es mir den Zugewinn an Horizont wert war, der sich für mich 1989/90 öffnete. Damals Student im ersten Semester in Berlin, West-Berlin.
Als schier unermesslichen Reichtum empfinde ich es, die Erfahrungen beider Länder in unserem nun Doppelland zur Verfügung zu haben. Wie unendlich weiser, vernünftiger, gütiger, tragfähiger müsste ein Land sein, in das zwei so unterschiedliche Länder ihre Erfahrungen eingebracht haben? Wie viel könnte ein Land gewinnen, wenn es den Erfahrungsschatz nutzen würde, den zwei geschichtliche Pfade, die zueinanderfanden, bieten, anstatt sich gegenseitig daran aufzureiben, wer nun Recht hatte? Hat derjenige Recht, der die Macht hat, Geschichtsbücher zu schreiben? Oder der, der 75 % an Ländermolekülen in das neue Land mitgebracht hat? In einer Demokratie wäre das wohl gleichbedeutend mit 100 % Handlungsspielraum und Deutungshoheit.
Ich weiß, dass ich keinen Teil der beiden aufgeben möchte. Nicht mein Zuhause im Osten und nicht meine Heimat im Westen, nicht das Privileg, beide Regionen bereisen zu können und darüber zu schreiben.
Vielleicht braucht es manchmal ein reinigendes Gewitter, mal das Gefühl, als eine große Wolke so richtig ordentlich zu regnen und Krach zu machen. Gemeinsam etwas zu bewirken. Und danach die wärmende Abendsonne zu genießen.
Aber was könnte dieses reinigende Gewitter sein? Eines jedenfalls nicht: blau oder braun. Es müsste alle Farben des Regenbogens tragen.
Ostwärts, westwärts – Die Kolumne über ein geteiltes? Land
Ostwärts – Westwärts ist eine Kolumne über Ost und West, über regionale Prägungen, Missverständnisse, Erinnerungen und Gegenwart. Ich schreibe sie als gebürtiger Westfale, der seit vielen Jahren in Mecklenburg lebt und zwischen beiden Regionen pendelt. Mich interessiert, was von der deutschen Teilung bleibt, wo alte Bilder nicht mehr stimmen, wo neue Gräben entstehen – und wo das Gemeinsame manchmal näher liegt, als es auf den ersten Blick scheint.
