Gartengeschichten: Giersch reloaded

Am meisten wuchs im Mai, in der Gartenkolonie am See, am Rande der Stadt.
Der Frühling war lange trocken gewesen, der April schon warm, doch dann kam der Mai und brachte Regen. Er brachte kalte Tage, fast noch einmal Nachtfrost, doch vor allem Regen. Tage, an denen es lange regnete, wenn auch nicht stark. Und als ab Mitte Mai die Sonne die feuchte Scholle wärmte, spross es aus allen Fugen, Ecken, Beeten und Rabatten. In einem Tempo, dass man dabei regelrecht zusehen konnte.
Der gärtnernde Mensch lernt früh, dass es zwei Sorten Pflanzen gibt.
Die einen wachsen dort, wo sie sollen. Mehr schlecht als recht. Sie möchten gehegt, gepflegt, gegossen, gestützt, gelobt und vor Schnecken beschützt werden. Beim kleinsten Ungemach ziehen sie sich beleidigt zurück und sagen: „Nö. Sorry. Zu schattig. Zu sonnig. Zu kalt. Zu trocken. Zu nass. Zu viele Schnecken. Ich wachse hier lieber nicht weiter.“
Die anderen wachsen dort, wo sie nicht sollen. Diese Sorte sagt: „Mach, was du willst. Reiß mir die Blätter ab. Hack mich klein. Buddel meine Wurzeln aus. Leg schwere Steinplatten auf mich drauf. Rupf mich aus dem Boden. Ha! Da! Ein klitzekleines Krümelchen Wurzel vergessen! Danke. Da sprieße ich.“
Zu dieser zweiten Sorte gehört der Giersch.
Der Giersch, so glaubten wir im ersten Gartenjahr, sei im Wesentlichen besiegt. Wir hatten ihn gerupft, gezogen, gejätet, gesammelt, betrachtet und verflucht. Wir haben ihn sogar gegessen. Er wird mit Nüssen, Olivenöl und etwas Knoblauch fein püriert zu einem hervorragenden Pesto. Denn alles, was sich im Garten nicht ausrotten lässt, wird irgendwann zur regionalen Spezialität erklärt.
Doch der Giersch hatte den Winter nicht als Niederlage verstanden. Eher als kleine Erholungspause für die nächste Attacke.
Nun war er zurück. Giersch reloaded. Größer, grüner, selbstbewusster.
Er erschien nicht einfach irgendwo. Er erschien exakt dort wieder, wo ich im Vorjahr auf Knien gelegen, quadratzentimeterweise den Boden gelockert und Wurzelfädchen für Wurzelfädchen aus dem Lehm gefriemelt hatte. Unter dem Rosenbusch mit den fiesen Stacheln. Neben dem Randstein. Hinter der Regentonne. An der Stelle, an der ich damals gesagt hatte: „So, hier ist jetzt aber wirklich alles raus.“
Das war, wie sich zeigte, eine mutige Behauptung gewesen.
Der Garten erinnerte sich besser als ich. Der Giersch ploppte auf wie diese Meldungen in den Sozialen Medien: Hallo Oli, erinnerst du dich? Heute vor einem Jahr hattest du ein schönes Erlebnis mit mehreren Gierschpflanzen unter genau dem Rosenstrauch, an dem du gerade wieder rupfst. Möchtest du dieses schöne Erlebnis von damals nicht in der Gartengruppe teilen?
Äh, nein. Und autsch. Verdammte Dornen.
So schleppte ich Schubkarre um Schubkarre an Wurzelwerk zum Grünschnittcontainer. Nicht auf den Kompost, natürlich nicht. Man wirft keinen Giersch auf den Kompost, nicht mal den kleinsten Krümel davon. Es sei denn, man möchte im kommenden Jahr prüfen, wie feinstes Wurzelwerk den Kompostierungsvorgang überlebt und die Freiheit des Beetes als Ansporn für die nächste Wachstumsphase versteht.
Es war an einem dieser richtig warmen Tage, als die Nachbarin herüberschaute. Freundlich, grüßend, wie immer. Sie erkundigte sich, wie es uns denn gehe, ob wir gut durch den Frühling gekommen seien, ob die Schnecken bei uns auch so zahlreich seien.
Ganz normale Gartengespräche also.
Nur hatte sie in den vergangenen zwei Wochen nicht nur einen nigelnagelneuen Gartenteich gebaut, mit sauber eingefasstem Rand, kleinen Wasserpflanzen und einer Ruhe, die unser halbfertiger Garten nur aus Erzählungen kannte. Sie hatte auch ihre Beete von Giersch befreit. Vor allem jene Beete, die an unseren Garten grenzten.
Pikobello lagen sie da.
Gierschfrei.
Ordentlich.
Und dann wanderte ihr Blick. Nur kurz. Von ihrem neuen Teich über ihr frisch befreites Beet hinüber zu unserer Seite. Dort, einen Maulwurfshügel von ihrer Ordnung entfernt, standen die Gierschstängel bereits hoch im Grün. Bald würden sie weiße Blüten tragen. Hübsch eigentlich. Wenn man nicht wüsste, dass diese Hübschheit kleine Zukunftspläne im Wind verteilt.
Schaute sie da gerade fragend?
Oder sorgenvoll?
Oder war das bereits ein Auftrag?
„Der Giersch ist aber auch hartnäckig“, sagte sie.
„Ja“, sagte ich.
Mehr nicht. Es war ein Auftrag. Zum Niederknien.
An den gepflegten Rasen der anderen Nachbarparzelle, der problemlos die Qualitätsansprüche jedes englischen Golfclubs erfüllen würde, mochte ich gar nicht denken, angesichts unseres Naturrasens, auf dem aus Löwenzahn längst Pusteblumen geworden waren. Nein, Prioritäten. Erst Giersch, dann Rasen.
Zwischendurch betrachtete ich unsere Pflanzen aus Gruppe eins. Die Erdbeeren mühten sich redlich. Der Salat dachte noch darüber nach, ob Leben unter diesen Umständen sinnvoll sei. Die Zucchini machte einen leicht beleidigten Eindruck. Immerhin die Radieschen leuchteten rötlich.
Daneben der Giersch: vital, aufrecht, flächendeckend, mit jener unverschämten Frische, die nur Pflanzen besitzen, die niemand eingeladen hat.
„Am meisten“, dachte ich, „wächst nicht das, was wir wollen. Am meisten wächst das, was selber will. Ist das der Beweis, dass in der Natur doch so etwas wie freier Wille besteht?“
Vielleicht ist das die eigentliche Gartenerkenntnis des Monats Mai.
Der Mai fragt nicht, ob wir bereit sind. Er legt einfach los mit seiner Blütenpracht. Er hält sich nicht an Beetkanten und Pflanzpläne. Und irgendwo mittendrin kniet der Mensch mit kleiner Hacke, Eimer, Handschuhen und dem Wunsch, wenigstens an der Grenze zur Nachbarin einen halbwegs zivilisierten Zustand zu erschaffen.
Eine weitere Erkenntnis, die der sogenannte Wonnemonat dem Gartenbetreibenden brachte: Dieser glaubt, er gestalte sein Stück Natur. In Wahrheit ist es eine ständige Verhandlung unter ungleichen Bedingungen.
Am Abend stand die Sonne noch hoch über der Gartenkolonie am See, am Rande der Stadt. Die Hände waren lehmig, die Arme zerkratzt, der Rücken schrie nach Ausgleichsgymnastik. Zum Abendbrot gab es Nudeln mit Pesto.
Die Gartengeschichten, auftretende Personen, Situationen und Gegebenheiten, auch die Person des fiktiven Ich-Erzählers, sind frei erfunden und/oder literarisch überhöht. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und real existierenden Gartenkolonien sind rein zufällig.
