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Unbegrenzte Möglichkeiten – Gedanken über ein gespaltenes Land

Ich lernte offene und interessierte Menschen bei meinen Reisen in den USA kennen. Wie entwickelt sich das Land nach Trump?
Oli in Amerika
Helle Hochhäuser, hohe Hellhäuser, laue Nacht in Charlotte, NC

Freiheit, weites Land, unbegrenzte Möglichkeiten. Amerika, die Vereinigten Staaten, das hat immer noch diesen Klang vom Marlboro-Mann und der Route 66.

Bisher war ich drei Mal in den USA. Zuletzt 2011. Das erste Mal im Jahr 2000. Ich sah in New York die Twin Towers. Ich durfte für drei Tage eintauchen in den endlosen Dschungel dieser unglaublichen Großstadt. Von Brooklyn aus sah ich die Skyline von Manhattan, fuhr mit irgendwelchen U-Bahnlinien zu Straßen, die Nummern als Namen hatten. Ich joggte durch den Central Park, wo ich sonst Filmfiguren spazieren oder sich küssen sah. Und ich warf einen Blick auf die Freiheitsstatue und die gelben Fähren, die den Hudson River kreuzten. Sogar die Gullis sah ich dampfen, genauso, wie im Film. Es war der Oktober im Jahr 2000.

Skyline von Charlotte, North Carolina
Skyline von Charlotte, North Carolina

Im Anschluss reiste ich für zwei Wochen an die Westküste nach Seattle. Ich erinnere mich an den Start vom Flughafen La Guardia, auf dem die Inlandsflüge starteten. In einem beeindruckenden Schwenk über Manhattan startete mein Flieger nach Detroit. Die teuerste Halbinsel der Welt war durch eine kleine Luke zu erkennen. Der Weiterflug von Detroit nach Seattle dauerte fast so lange, wie der von Amsterdam nach New York. Stundenlang über die Staaten des mittleren Westens, die in rechteckige Ackerflächen aufgeteilt zu sein schienen.

Seattle erlebte ich als kreatives, kleineres Gegenstück zu New York. Hier wohnte ein Studienfreund, bei dem ich bleiben und den Alltag aus einer privaten Perspektive kennenlernen konnte. Ich sah in der Zeit viel Improvisationstheater und hatte die Gelegenheit, selbst Theater zu spielen.

Parkplatz einer Mall in Charlotte, North Carolina
Weites Land, Land der Malls und Parkplätze

Ich begann mich für Baseball zu interessieren. Es war Halbfinale der Playoffs, die sie World Series nennen, ohne dass ein anderer Kontinent beteiligt wäre. Die Seattle Mariners spielten gegen die New York Yankees. Ich wusste, was ein Inning ist, wer weshalb wann werfen und fangen darf und wie viele Punkte ein Homerun zählt. Es hieß, Bill Gates wäre bei den Heimspielen der Mariners im Stadion. In dem ich natürlich nicht sein konnte, aber in einer klimatisierten Sportbar schaute ich die Spiele und hielt so manche Stunde durch. Auch wenn das Bier, als ich experimentierfreudiger wurde, nach Hustensaft schmeckte.

Hier hielt ich meinen Fuß erstmals in den Pazifik, hier begann meine Liebe für Ben & Jerry's Cherry Garcia, hier aß ich Bagels zum Frühstück. Und ich zog Seattle's Best Coffee immer Starbucks vor, denn das waren die Guten, die von hier.

Auf dem Rückflug von Seattle nach Amsterdam durch die kanadische Polarnacht sah ich die grünen Schleier der Polarlichter, bisher das einzige Mal in meinem Leben.

Kirche in Charleston, SC
Süden, Palmen, Kirche in Charleston, South Carolina

2009 und 2011 war ich dienstlich in Charlotte und reiste von dort an die Atlantikküste von North und South Carolina. Als Mitarbeiter eines Filmfestivals durfte ich dort deutsche Filme vorstellen, als Gast des lokalen Filmfestivals und der deutschen Gesellschaft in Charlotte.

Im Süden der Vereinigten Staaten, wo wir auch einige Tage über Land reisten, hat mich vor allem die Weite des Landes fasziniert, die spektakuläre Landschaft. Die Holzhäuser an der Straße mit Schaukelstühlen auf der Veranda. Pelikane im Flug über der Bucht von Charleston.

Ich hatte das Glück, auch hier Menschen vor Ort zu kennen, die mir das private, das nicht touristische Amerika zeigten. Ich lernte herzliche und offene Menschen kennen. Menschen, die mir verziehen, wenn ich ihr Gebet vor dem gemeinsamen Essen nicht mitsprach. Menschen, die sich begeistert nach Europa erkundigten. Die Skylines der Städte, die Malls und Restaurantketten allerdings, die viele Orte gleichförmig, konform erscheinen lassen, haben mich abgeschreckt.

Restaurant in den Südstaaten
Speisen mit Ausblick,

Mein Verhältnis zu den USA ist zwiespältig. Zu sehr hängt es fest in Diskussionen, die aus meiner Sicht schon längst nicht mehr geführt werden müssten. Waffen, Gesundheitswesen, Wissenschaftsskeptizismus, um drei Stichworte zu benennen.

So sehr ich mich freute, als Obama Präsident wurde, so sehr hat es mich überrascht, dass Trump sein Nachfolger wurde. Und dass das Land nicht kollektiv in Scham versunken ist, als sich ein Präsident zeigte, der das Land mehr spaltete, als es wieder großartig zu machen. Und dass es überhaupt eine reelle Chance auf eine zweite Amtszeit für diesen Präsidenten gab.

Auf welche Reise geht das Land? Ich wünsche mir ein Amerika, das zurück findet, zu einem Verbündeten, einer befreundeten Nation. Ein Land, das bereit ist, mit der Welt zu reden. Das bereit ist, die großen Aufgaben der Gegenwart gemeinsam anzugehen und sich nicht in Isolation und eine Rhetorik der Abschottung flüchtet. Wie viel ist in den zurückliegenden vier Jahren dort zerstört worden? Wie viel an gesellschaftlichem Kitt wurde weggewaschen? Anders formuliert: wie viel an gesellschaftlicher Trennung, die dort vorhanden war und ist, wurde durch Trumps Rhetorik verschärft? Wie viel Vertrauen in die Demokratie hat Trump zerstört? Kann ein Präsident Biden, sollte ein schlechter Wahlverlierer dessen Wahlsieg nicht noch verhindern können, das überhaupt wieder zurückdrehen? Ich mag mir gar nicht ausmalen, was vier weitere Jahre Trump anrichten könnten.

Ich wünsche dem neuen Präsidenten, dass es ihm gelingt, die Geister, die Trump rief, wieder zu einzufangen. Das könnte ihm mit einer Rhetorik der Tolerenz und Einheit gelingen. Das wird ein langer und schwieriger Weg, doch ein guter Anfang ist bereits gemacht.

Ich bin bereit, das Beste hoffen.

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