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Veni, vidi, vegi 15 – Verstehe ich (nicht!)

Vegan im Supermarkt
Du hast die Wahl: Tierleid oder Tierwohl - Illustration mit KI erzeugt

Es gibt viele Dinge, die ich sehr gut nachvollziehen kann, wenn es um Skepsis gegenüber veganem Essen geht. Wirklich. Ganz ohne Ironie.

Was ich verstehe: die Macht der Gewohnheit

Menschen essen, was sie gelernt haben zu essen. Kultur, Kindheit, Familie – das prägt.
Wer 30 Jahre lang gelernt hat, dass Wurst normal ist und Soja exotisch, der wird das nicht in drei Tagen überdenken. Das ist nachvollziehbar.

Was ich auch verstehe: das Wegschauen

Das ist menschlich. Wir alle haben Dinge, die wir lieber nicht so genau wissen wollen.
Dazu gehört vor allem der Herstellungsprozess von tierischen Produkten – und welche Konsequenzen er für die „Produzenten“ hat. Das hat (zunächst) nichts mit Bösartigkeit zu tun, sondern mit Selbstschutz.

Was ich ebenfalls verstehe: soziale Dynamik

Niemand will beim Grillabend der oder die Komplizierte sein. Alle greifen zur Bratwurst, also greife ich natürlich mit. Man möchte Teil der Gruppe bleiben – auch kulinarisch. Auch das verstehe ich.

Und ich verstehe: einfache Erklärungen sind bequem

„War schon immer so.“
„Der Mensch war schon immer Allesesser.“
„Das ist doch ganz natürlich.“

Sätze, die – oft genug wiederholt – innere Ruhe verschaffen. Dass sie dabei eigentlich nichts erklären, spielt in dem Moment keine Rolle.

So weit, so verständlich. Doch wirklich? Denn sobald man nur ein einziges Mal wirklich hinsieht, öffnet sich ein ganzer Ozean von Ungereimtheiten.

Was ich – je länger ich darüber nachdenke – nicht mehr verstehe

Wie man Leid wählt, wenn man es vermeiden kann

Wir leben in einem Land, in dem ich beim Einkaufen die Wahl habe:

  • Produkt A → wurde mit Tierleid hergestellt.
  • Produkt B → wurde ohne Tierleid hergestellt.

Ich entscheide beim Kauf also nicht nur über Geschmack, sondern auch über Konsequenzen für fühlende Wesen. Und trotzdem entscheiden sich so viele bewusst für die Packung aus dem Fleischregal.
Weil es (angeblich) besser schmeckt.
Weil es (angeblich) gesünder wäre.
Manchmal auch, weil es günstiger ist. (Spoiler: Es ist nur günstiger, solange mehr es kaufen!)

Ich sehe das – aber ich verstehe es immer weniger.

Schmeckt es nicht inzwischen wirklich gleich?

Ich merke bei vielen sogenannten "Alternativ"-Produkten keinen Unterschied mehr.
Schweineschnitzel oder Schnitzel aus Weizenprotein: gleiche Konsistenz, gleicher Geschmack.
Zumindest schmeckt mir die pflanzliche Alternative hinreichend gut – meistens nach Sauce, Senf oder Panade, und all das lässt sich pflanzlich ebenso geschmackvoll herstellen.

Die Erinnerung an den Geschmack des „Originals“ habe ich längst verloren. Aber die Erinnerung sagt mir: schmeckt so, wie es damals schmeckte. Das heißt: Das, was ich heute an pflanzlichen Alternativen esse, schmeckt mir – so wie mir früher das tierische Produkt schmeckte. Und das reicht mir!
Beim „Hühnchen“ aus Soja übrigens ebenso. Beim Aufschnitt. Beim Döner aus Seitan. Alles gleich, wenn nicht sogar besser!

Ich verstehe nicht, warum vegane Ernährung bei vielen als ungesund gilt

Wir schreiben das Jahr 2025, nicht mehr 1973. Wir wissen heute ziemlich genau:

Man kann sich vollkommen, vollwertig und gesund vegan ernähren. Mit allen Vitaminen, Mineralstoffen und Aminosäuren.

Wer sicher gehen will, findet für wenige Euro Nahrungsergänzungsmittel im Drogeriemarkt.
Funfact: Viele Vitamine in tierischen Produkten werden ebenfalls supplementiert – nur früher in der Nahrungskette, nämlich über das Tierfutter.

  • Vitamin B12? Kommt beim Rind nicht aus dem Gras, sondern als Pulver ins Futter.
  • Omega-3? Kommt nicht aus dem Lachs, sondern aus den Algen, die er frisst.

Warum also der Umweg über das fühlende Tier?

Natürlich gibt es individuelle Ausnahmen. Menschen mit bestimmten Unverträglichkeiten oder körperlichen Besonderheiten.
Aber für die große Mehrheit gilt: Vegan ist nicht nur vollwertig möglich – es ist in der Summe gesünder als eine fleischreiche Ernährung.

Weniger gesättigte Fette.
Weniger Cholesterin.
Weniger Entzündungsmarker.
Bessere Herz-Kreislauf-Werte.

Die Datenlage ist eindeutig. Und doch hält sich das diffuse Gefühl: „Irgendwas fehlt da!“ Beinahe möchte ich zustimmen: Ja, es fehlt etwas – aber letzlich doch nur das Leid von Milliarden Tieren.

Ich verstehe nicht, warum wir beim Essen unseren größten ethischen Wirkungsgrad ignorieren

Im Supermarkt stehe ich vor zehn Metern Kühlregal voller Tierprodukte – und einem einzigen schmalen Fach mit pflanzlichen Alternativen. Wie ist das zu rechtfertigen?

Ich wähle Dinge, die mir schmecken.
Dinge, die mir bekommen.
Und Dinge, die kein Tierleid verursachen.
Punkt.

Warum machst du das nicht auch?

Ich stelle diese Frage nicht empört, nicht missionierend, sondern aus ehrlicher Ratlosigkeit.
Und ja, mittlerweile auch aus leiser Resignation.

Und das Klima?

Wir reden hier noch nicht einmal über Klima, CO₂, Landverbrauch, Gülle, Antibiotika, Wasserverbrauch, Waldvernichtung. Wir reden nicht über das große Ganze. Nicht über Politik. Nicht über die Rettung der Lebensgrundlagen für uns auf unserem Planeten.

Wir reden nur über das Leid fühlender Wesen. Und das kann ich durch mein Konsumverhalten verhindern.

Sollte das nicht das einfachste, nachvollziehbarste Argument überhaupt sein?

Offenbar nicht. Das zeigen zehn Meter Fleischauslage und drei kleine Fächer mit Produkten aus Soja, Weizen und Kichererbsen.

Ich verstehe und ach, ich verstehe doch nicht

Ich glaube, ich verstehe Menschen.
Wirklich.
Wir sind komplex, widersprüchlich, bequem, verletzlich.
Wir handeln nicht immer logisch, und erst recht nicht immer ethisch.
Wir sind Meister im Selbstbetrug – ich eingeschlossen.

Aber eines verstehe ich nicht:
Warum wir an etwas festhalten, das anderen (fühlenden Wesen) Leid bringt,
wenn es heute so einfach ist, es anders zu machen.


"Veni, vidi, vegi" ist meine monatliche Kolumne zu Themen rund um die vegane Lebensweise. Sie erscheint jeweils am ersten Sonntag im Monat. Alle geschilderten Personen und Situationen sind frei erfunden, jedoch inspiriert von tatsächlichen Begebenheiten.

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