
Krokustage, Narzissentage
Die Sonne wärmte die Hügel in der Gartenkolonie am See, am Rande der Stadt schon kräftig. Das Thermometer kletterte in die zweistelligen Grade, auch wenn es sich nachts noch bis unterhalb der Null verkroch. Aber: Das Leben kehrte zurück, im frühen März unseres ersten Frühlings im Garten.
Die Schneeglöckchen waren verblüht und auf dem Rasen machte sich in violetter Pracht eine Krokusvielfalt breit. Die ersten Farbtupfer im Grüngelb des noch winterlichen Rasens. Vorne, auf dem Beet, ganz klein, hob sogar schon eine Narzisse ihren gelben Kopf aus dem Boden. Wir gingen beinahe täglich in den Garten, bei Sonnenschein in jedem Fall, und werkelten, bis es uns dann doch fröstelte, trotz Sonne auf der Terrasse.
Auf dem Weg zur Parzelle begegneten wir von Woche zu Woche wieder mehr anderen Menschen.
„Ach, ist es herrlich, wenn die Tage endlich wieder länger werden, wenn das Licht zurückkehrt, oder? Ich heiße übrigens Monika und das ist der Achim."
Monika und Achim haben ihre Parzelle ums Eck, den Amselweg hinunter und ein kleines Stück den Rotkehlchenweg hinauf. Ein Gespräch hatte sich bisher aber noch nicht ergeben.
„Wenn Ihr was braucht, fragt gerne! Braucht Ihr Johannisbeeren? Mit Stacheln, ohne Stacheln, alles da!“
Es folgt eine etwa sieben Minuten dauernde Ausführung über die Vorzüge der unterschiedlichen Johannisbeersorten und die Tricks, diese durch Stecklinge optimal zu vermehren. Zwar wären wir damit schon etwas spät dran, aber im Norden, da hat man ja immer noch zwei-drei Wochen Zeit!
Wir nickten zustimmend.
„Ach schön, wenn wieder junge Leute in den Verein kommen, wo seid ihr?“
Wir nickten zustimmend, zeigten schräg nach oben und sagten etwas von „müssen langsam mal loslegen“.
„Ah, viel Spaß euch, also, kommt vorbei, Johannisbeeren! So herrlich hier, oder? Jetzt wo es nachmittags endlich länger hell ist, oder? So in der Sonne, herrlich, oder?“
Wir nickten und wünschten ein frohes „Gut Grün!“
Und sogleich machte sich Monika wieder ans Durchsieben der frischen Komposterde, Achim schaute bereits ungeduldig, den Gitterrost haltend.
Unser Paradies
Als wir aber unsere Parzelle betraten, betraten wir unser kleines Paradies. Der See funkelte in der Nachmittagssonne, die Möwen kreisten in der Luft, Gänse schnatterten in der Ferne und kleine Piepmätze zwitscherten sich in den Hecken erste Liebesschwüre zu. In der Hecke raschelte es auch. Ein Igel, der aus dem Winterschlaf erwacht war? Nein, es war die Plastiktüte, die schützend über die Markise der Gartennachbarn gestülpt war, bei ihrem Spiel im Wind. Hinter der Hecke.
Tag des Schmetterlingsflieders
Neben dem raschen Aufstellen der Gartenstühle und dem Auswickeln der Wolldecken stand schon echte Arbeit auf dem Tagesprogramm. Denn vor den Tagen der Frühblüher stand der Tag des Schmetterlingsflieders an. Ein Gewächs der Ordnung der Lippenblütlerartigen, auch Sommerflieder genannt. Er lockt, wenn in Blüte, Schwärme von Schmetterlingen an, steht aber als pflanzlicher Migrant, als Neophyt, auch in der Kritik. Der Vorwurf, dass er Schmetterlinge aber täusche und gar keine Nahrung für sie bereithalten würde, ist nach eigener Recherche allerdings haltlos. Spätestens Ende Februar aber, im Norden vielleicht sogar ein-zwei Wochen länger, muss man ihn zurückstutzen bis fast auf den Boden. Bevor die Piepmätze ihre Nester bauen. Ein Radikalschnitt war angesagt. "Wächst aber prächtig nach, der Strauch", so sagte es uns die Vorgärtnerin. Wissen werden wir es in unserem ersten Sommer im Garten, auf den wir uns schon freuen wie Bolle!
Häcksler & Koch
Drei massive Sträucher jedenfalls lagen als Zweige gestapelt auf dem kleinen Rasenstück, das in diesem Jahr ein Beet werden soll. Mit dem Tag des Schmetterlingsflieders, späestens aber nach Betrachten des Holzstapels, war klar: Die nächste Anschaffung wird ein Häcksler.
Zusammengebaut am Wochenende wartete er jedoch noch bis zum darauffolgenden Montag, bis er seine lautstarke Häckselpremiere feiern durfte. Ich taufte ihn freundlich auf den Namen „Häcksler & Koch“ und musste beim Zusammenschrauben an diesen Film denken: Ein Mann in Winterkleidung stopft irgendetwas mit Hose und Stiefel dran in einen Häcksler, das was auf der anderen Seite rauskommt, färbt den Schnee rötlich ein. Wie hieß der Film gleich wieder?
Unsere Premiere mit „Häcksler & Koch“ war friedvoller, allerdings ebenso geräuschvoll. Eigentlich mag ich so gruselige Filme auch nicht. Zum Befüllen zog ich mir die stabilsten Handschuhe an, die unser Geräteschuppen zu bieten hatte, zwar ohne Häckselmesserfestigkeitsgarantie, dennoch beruhigend. Das Häckselgut aber duftete angenehm ätherisch, als könne es das Aroma eines Saunaaufgusses sein. Duftnote „Fliederharz“.
Wasser, Tee, Kunststücke
Da die Nächte noch Frostgefahr mit sich brachten, war in der gesamten Gartenkolonie das Wasser noch abgestellt. Unsere Besuchszeiten im Paradies waren also durch den nächsten Toilettengang limitiert, der wiederum von der mitgebrachten Menge an Tee abhing. Zwar waren wir in der Natur, diese aber zu dieser Jahreszeit noch nicht wirklich blickdicht, was durch den Tag des Schmetterlingsflieders noch verstärkt wurde. Das bereits erprobte Kunststück mit dem Eimer im Geräteschuppen wollte ich mir heute sparen.
Auf dem Rückweg, ich hatte es inzwischen mindestens mittelmäßig eilig, machten wir den Fehler, über den Rotkehlchenweg zum Parkplatz zu gehen, anstelle über den parallelen Goldhähnchenweg. Als wir in Höhe der Parzelle von Monika und Achim waren, beschleunigte ich und versuchte geradeaus auf den Weg zu schauen, doch erwischte mich Monikas Blick. Ich war froh, festzustellen, dass sie uns wohl die heutige Geräuschkulisse verübelte und außer einem frostigen Blick keine weiteren Ratschläge oder Stecklinge für uns parat hatte.
Unser „schönen Abend noch!“ blieb unbeantwortet, an diesem späten, doch immer noch sonnigen Nachmittag in der Gartenkolonie am See, am Rande der Stadt. „Den beiden müssen wir mal etwas vorbeibringen, etwas Nettes, oder?“, schlug ich vor. Meine Mitgärtnerin nickte.
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Die Gartengeschichten, auftretende Personen, Situationen und Gegebenheiten, auch die Person des fiktiven Ich-Erzählers, sind frei erfunden und/oder literarisch überhöht. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und real existierenden Gartenkolonien sind rein zufällig.