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Veni, vidi, vegi 16 – 98 Prozent!

98 % vegan
Trotz Verlockungen: 98 Prozent vegan!

Manchmal gibt es Momente, in denen man nicht mehr etwas tut, sondern etwas ist.
Für mich gab es so einen Moment im vergangenen Jahr. 2025 habe ich mich erstmals als Veganer gefühlt – und nicht mehr als jemand, der (überwiegend) vegan isst.

Das klingt nach Wortklauberei.
Es ist aber ein Unterschied.

Der erste Anstoß kam durch den Veganuary. Nachdem ich den veganen Januar 2024 durchgehalten hatte, stellte ich meine Ernährung bereits deutlich um: Etwa drei Viertel meiner Mahlzeiten waren vegan, die übrigen vegetarisch. „Nur“ vegetarisch. Fortschritt, ja. Aber noch kein inneres Zuhause. Noch keine Identität, die auch ernsthafte Proben besteht.

2025, der zweite Veganuary, war anders.
Beim ersten Mal wollte ich ausprobieren, ob ich es durchhalte.
Beim zweiten Mal war es eine Weichenstellung.

Danach verstand ich mich als Veganer.
Das war angesichts des nicht gerade freundlichen Leumunds und der gängigen Narrative über „die Veganer“ kein einfacher Schritt.

Aber doch:
Ich hatte spezifisch vegane Sorgen, vegane Routinen, vegane Erfahrungen.
Ich sah die Welt durch eine „vegane“ Brille – oder vielleicht gerade so, wie sie ist:
Tierleid als Zutat eines Großteils unserer Lebensmittel konnte ich nicht mehr ausblenden.

Und ich fühlte mich damit wohler als in all den Jahren zuvor mit Tierprodukten auf dem Teller, auch wenn diese zuletzt ja schon „nur“ vegetarisch waren. Wohler? Nicht nur. Ich entdeckte auch mehr Unstimmigkeiten in meiner Umwelt. Aber ich fühlte mich auf dem richtigen Weg.

Dass mein Vegan-Anteil nun bei 98 Prozent liegt, ist kein Zufall.
Er ist das Ergebnis von Planung, Aufmerksamkeit und einer neuen Selbstverständlichkeit:
Ich bringe mir Essen mit.
Ich recherchiere mit meiner App vor jeder Reise.
Ich nehme mir Raum für meine Entscheidung – ohne sie anderen aufzuzwingen.

Warum nicht 100 Prozent?
Weil die fehlenden zwei Prozent vom echten Leben erzählen:
von falschen Öffnungszeiten und verschlossenen Türen,
von Reisen ohne Proviantpaket und ohne Plan B,
von sozialen Einladungen, bei denen man nicht der komplizierte Mensch am Tisch sein möchte.

Wenn ich heute eine Ausnahme mache, fühlt sie sich auch so an: wie eine Ausnahme.
Ich benenne sie. Ruhig. Ohne Mission. Ohne Rechtfertigung. Zumindest bemühe ich mich darum.
Ich sage: Ich achte darauf. Und es ist mir wichtig. Aber ich gestehe mir diese Ausnahme zu.

Wenn ich im Restaurant nachfrage:
Gibt es etwas Veganes auf der Speisekarte?
Gibt es Hafermilch zum Kaffee?

Dann nicht, um jemanden zu bekehren, sondern um sichtbar zu machen, dass diese Nachfrage existiert.
Dass Entscheidungen gezählt werden.
Dass Gewohnheiten nicht naturgegeben sind, sondern veränderbar.

Und vielleicht ist genau das der Punkt:
98 Prozent sehe ich im Moment nicht als Mangel oder Schwäche.
Ich sehe sie als meine Alltagstauglichkeit.

Was mich daran am meisten überrascht:
Wie leicht es geworden ist.

Kein Verzichtsdrama, kein innerer Kampf, keine tägliche Selbstüberwindung.
Stattdessen ein neues Normal mit wenigen Ausnahmen.

Vielleicht ist das die eigentliche Lehre des vergangenen Jahres:
Veränderung muss nicht schmerzen, um wirksam zu sein.
Sie muss langsam wachsen.

Derweil hat mein dritter Veganuary begonnen.
Ob ich am Jahresende wieder bei 98 Prozent lande? Das weiß ich jetzt noch nicht.
In jedem Fall aber: mindestens.


"Veni, vidi, vegi" ist meine monatliche Kolumne zu Themen rund um die vegane Lebensweise. Sie erscheint jeweils am ersten Sonntag im Monat. Alle geschilderten Personen und Situationen sind frei erfunden, jedoch inspiriert von tatsächlichen Begebenheiten.

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