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Was Herr H. nicht verstand: Raser

Geschwindigkeit

Zu den Dingen, die Herr H. nicht verstand, gehörten Raser. Raser*innen, meist aber doch ganz ungegendert Raser. Zu schnell Fahrende, rücksichtslos Fahrende, Drängelnde. Diejenigen, die schnell unterwegs sind, die Ungeduldigen, die dieses kund taten.

Was Herr H. zudem nicht verstand, im Sinne von kein Verständnis dafür habend, verstehen tat er sie irgendwo ja doch, das waren Radiosender, die stolz "Flitzer-Blitzer" verkündeten. Das waren auch lichthupend Entgegenkommende, die vor Geschwindigkeitsmessungen warnten. So, als wären diese etwas Unanständiges, vor dem sich rechtschaffende Bürger*innen in Acht zu nehmen hätten. So, als wolle man sich verbünden, gegen Behördenwillkür.

Herr H. war viele Jahre überzeugter Bahnfahrer und Fahrradfahrer. Bevor er einen Führerschein machte, er war zu der Zeit bereits jenseits der 40, hatte er sich eine Strecke erradelt, die wohl ums ganze Erdenrund reichte. Viele Jahre lang fuhr er zudem landauf, landab mit der Bahn, geschäftlich wie privat.

Seit einigen Jahren durfte Herr H. nun selbst ein Automobil lenken. Häufig bereitete ihm das sogar Freude. Er liebte lange Strecken, bei denen er Hörbücher hören konnte. Auch Podcastfolgen von mehreren Stunden Dauer liebte Herr H., zu hören auf langen Autofahrten. Weshalb auch nicht?

Herr H. pendelte regelmäßig zwischen dem Osten und dem Westen unseres Landes. Familie hier, Arbeit dort. So hörte er regelmäßig Hörbüchern und lange Podcastfolgen, während draußen langsam die Landschaft an ihm vorbeizog.

Langsam, darauf kam es an. Herr H. fuhr gern entspannt. Manchmal fuhr er längere Strecken abseits der Autobahn. Er erkundete auch gerne neue Strecken, entdeckte schöne Landschaften und hielt für eine Pause in einer ihm unbekannten Stadt.

Das Autofahren wäre ihm wohl ein reine Freude gewesen, gäbe es nicht diese Störenfried*innen! Die von hinten angeschossen kamen, die so spät es eben ging bremsten und erst wenige Meter hinter Herrn H.s Fahrzeug eine passable Geschwindigkeit erreichten. Die Herrn H. hinter LKWs versauern ließen, da er nicht auf die linke Spur wechseln konnte, wenn er die Kolonne der SUVs und BMWs erst einmal vorbei ließ. Und das ließ er, wenn es eben ging, denn Herr H. war auch ein umsichtiger und zuvorkommende Fahrer. Doch das Fahren auf deutschen Autobahnen empfand Herr H. selten entspannt.

Dabei fuhr er nicht unbedingt langsam. Gerne nutze er den Tempomat, stellte diesen auf 130 km/h und fand es am angenehmsten, weder beschleunigen, noch bremsen zu müssen.

Doch weshalb tat er das? Weshalb fuhr er nicht ebenso zügig, wie es wohl im Blut seiner autofahrenden Landsleute lag?

Ursprünglich wohl, da er sparsam und umweltschonend fahren wollte. Doch birgendwann entdeckte er, dass er durch eine angemessene Geschwindigkeit auch seine Nerven schonte. Dass eine Fahrt, auch wenn sie einige Minuten länger dauerte, doch weniger ermüdend war, sogar entspannend sein konnte. Auf den Zustand der Entspannung kam es ihm an. Das Fahren, da eine monotone Tätigkeit, hatte für Herrn H. bisweilen meditativen Charakter. Aufgehen in das Durchströmen der Landschaft.

Doch nicht nur auf der Autobahn, auch auf der Bundesstraße beobachtete Herr H. die Raser*innen und Drängler*innen. Er fuhr dort in der Regel so schnell, dass sein Tachometer wenig über der zugelassenen Höchstgeschwindigkeit verweilte. In seiner westfälischen Heimat kam er damit gut über die Runden. Es gab wenige, die durch geringen Abstand signalisierten, dass sie, wäre Herr H. nicht vor ihnen, um einiges schneller unterwegs sein würden.

Herr H. fuhr allerdings auch regelmäßig durch die Bundesländer im Osten der Republik. Dort hatte solch eine, den Verkehrsregeln hörige Fahrweise automatisch die Konsequenz, dass man zum Verkehrshindernis wurde.

"Entschuldigung, dass ich nicht schneller fahre, als ich darf. Entschuldigung, dass ich ein Verkehrshindernis bin!" Derartige Sätze kamen Herrn H. regelmäßig in den Sinn, die Bundesstraße 186 zwischen Markranstädt und Zwenkau, die Bundesstraße 5 zwischen Boizenburg und Ludwigslust, die Bundesstraße 112 zwischen Frankfurt/Oder und Eisenhüttenstadt fahrend. Im Osten der Republik passierte das deutlich häufiger, als im Westen. Ein Klischee war es nicht, das war Erfahrung, die Herr H. über die Jahre machen musste.

Dort waren es auch nicht die tiefer gelegten VW Sciroccos, den Aufkleber "Kampfgeschwader Wolfsburg" auf dem Heck, die drängelten und rasten, nicht die Stadtgeländewagen (welch Widerspruch in sich). Es waren nicht die testosterongeschwängerten Fünfundzwanzigjährigen, nicht die verbissen schauenden Männer zwischen 50 und 60. Nein, im Ost des Landes waren es auch Frauen, auch Rentner*innen in Kleinwagen. Einmal war es ein Einsatzfahrzeug des Malteser Hilfsdienstes, auf der Bundesstraße 6 zwischen Riesa und Oschatz. Herr H., 107 km/h, Malteser Hilfsdienst zog bei der ersten sich bietenden Gelegenheit mit Tempo 130 vorbei. So als sei man 15 Kilometer hinter einem landwirtschaftlichen Fahrzeug eingeklemmt gewesen und müsse schnell in den Kreißsaal. Das Einsatzfahrzeug fuhr ohne Signallicht. Am Steuer ein jungen Mann von Mitte 20.

Was Herr H. nicht verstand: Wie konnte jemand die Zeitersparnis von wenigen Minuten über den Schutz von Leben und Umwelt stellen? Wie konnte ein vernünftiges Maß an Geschwindigkeitsbegrenzung als ein Eingriff in jemandes persönliche Freiheit angesehen werden? Wie konnten die Ruhe vor Fahrzeugen in der Innenstadt weniger Wert beigemessen werden, als das Recht auf unbegrenzte Geschwindigkeit?

Herr H. hatte das eine Weile in verschiedenen regionalen Gruppen auf Sozialen Medien diskutiert. So lange, bis er merkte, dass diese Gruppe nicht seinen Wohnort repräsentierte, so wie er ihn im Leben dort draußen kannte, sondern einen seltsamen Querschnitt aus empörten Bürger*innen widerspiegelte.

Aber weshalb fand Herr H. nun auch die freundliche Warnung vor Geschwindigkeitsmessungen unangebracht? Die im Radio oder die zum Gegenverkehr per Lichthupe? Waren sie doch vor allem ein freundliches Zeichen der Solidarität in einer ansonsten gesellschaftlichen Kühle. Oder nicht? Was fand Herr H. daran verwerflich?

Es waren wohl zwei Aspekte. Zunächst nochmals ein Exkurs. Was Herr H. nämlich auch nicht verstand, waren Personen, die grundsätzlich schneller fuhren, als es zugelassen war, zum Beispiel 115 km/h auf der Bundesstraße 235 zwischen Olfen und Lüdinghausen, erlaubt waren 100 km/h. Die dann aber auf 85 km/h herunterbremsten, weil sie von der Stelle wussten, an der ein Geschwindigkeitsmesser aufgestellt war. Ja, vertrauen die denn nichts und niemandem mehr? Nicht sich, nicht ihrem Tachometer, nicht der Straßenverkehrsbehörde? Nein, das fand Herr H. absurd!

Thema Vertrauen. Genauer: Thema Misstrauen. Das war wohl der Grund, weshalb Geschwindigkeitsbegrenzungen als Schikane, weshalb deren Übertretung als Kaviliersdelikt, weshalb deren Ahndung als in höchstem Maße ungerecht empfunden wurden. Und weshalb Radiosender bejubelt wurden, die davor warnten, weshalb man höchstselbst den Gegenverkehr warnen wollte. Misstrauen wogegen? Gegen die da oben? Staatliche Abzocke? Danke Merkel! (Achtung, Ironie!)

Dieses Misstrauen war Herrn H. vollkommen suspekt. Denn es gab doch ein einfaches Mittel, der Abzocke aus dem Weg zu gehen. Das waren diese Zahlen auf den Schildern. Einfach auf dem Tacho ungefähr diese Zahlen haben, dann passierte nichts. Dafür musste er kein Radio hören. Dann musste er nicht einmal an bestimmten Stellen herunterbremsen, dann musste er den Gegenverkehr auch nicht warnen. Dann war es selbstverständlich rücksichtsvoll zu fahren. Auch wenn es an einer Stelle nicht ersichtlich war, weshalb sich der Rat der Gemeinde gerade hier für Tempo 70 ausgesprochen hatte. Vertrauen wir ihm doch einfach! Geschwindigkeitsmessungen waren dann keine Radarfallen, es waren Radarfreunde, die auch Dich davor schützten, berast und bedrängt zu werden. Die Anwohner*innen erst recht.

Doch war Herr H. kein unfehlbarer Heiliger, war war das schon? Natürlich konnte Herr H. selbst auch ungeduldig werden. Wenn landwirtschaftliche Fahrzeuge (aka Trecker) mehr als zwei Dörfer auf der Bundesstraße 191 zwischen Dannenberg und Uelzen vor ihm herfuhren. Wenn Toyota Kleinwagen auf dreispurigen Autobahnen die mittlere Spur befuhren, obwohl selbst der Lastverkehr auf der rechten Spur schneller war als sie. Wenn Fahrzeuge zwei Kilometer vor der Autobahnausfahrt bereits ihre Geschwindigkeit langsam drosselten und dabei den folgenden Verkehr abbremsten. Dafür gab es doch diese Verzögerungsspuren! Die hießen doch verdammt nochmal sogar Verzögerungsspuren!!11!!

So erkannte Herr H. in diesen Schleichenden die passiv-agressive Variante der Rasenden und Drängelnden. Ja auch so etwas gab es. Und verdammt, die sollen sich schleichen! Drecksbande! Die Hölle, soviel wusste Herr H., das waren immer die anderen.

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Herr H. sein Föderalismus:
Herr H. ist Wessi, er kommt gebürtig aus Nordrhein-Westfalen. Herr H. ist Ossi, er wohnt seit vielen Jahren in Mecklenburg-Vorpommern. Herr H. ist Ossi und Wessi, er pendelt beruflich von hier nach dort. Herr H. kennt Berlin, dort hat er studiert, er kennt auch Sachsen, dort wohnt die Schwiegerfamilie. Kein Ort in diesem Land, in dem Herr H. noch nicht war. Zu guter Letzt ist er auch noch Hobby-Niederländer. Ein Europäer mithin.

Er ist der personifizierte Föderalismus und fragt sich, welcher Anteil in ihm hat ihm gerade diesen Gedanken beschert? Das in dieser Kolumne.

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