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Welch sonderlich Zeit – Gedanken zur Corona-Krise

Mund-Nasen-Maske
Die Welt durch die Maske betrachtet: was schützt vor dem Virus?

Mund-Nasen-Maske, Händewaschen, Abstand halten. Home-Office, daheim bleiben. Draußen Menschen aus dem Weg gehen, alle irgendwie verdächtig ansehen. Täglich Fallzahlen checken. Sondersendungen sehen. Gemüsegläservorräte anlegen. Diese dann doch nicht essen, weile muss ja nicht.
Das sind einige der Dinge, die die vergangenen inzwischen sieben Wochen beschreiben.

Keine einfache Zeit: die Corona-Krise hat die Welt im Griff und unseren Alltag verändert. Inzwischen ist die akute Phase bereits durchstanden, die Zeit, als alles neu und ungewohnt war, sich alles noch völlig anders anfühlte, als die Bedrohung noch abstrakt und ungewiss war. Wie gefährlich ist es? Stecke ich mich auch an? Die Frage war nicht ob, sondern eher wann.

Inzwischen wird bereits wieder über Lockerung der in Deutschland vergleichsweise milden Einschränkungen geredet.

Die spürbarste Veränderung war für mich, dass ich in meiner Festanstellung von Beginn an im Homeoffice arbeiten konnte. Das funktionierte überraschend gut. Auch der tägliche Austausch mit Kolleginnen und Kollegen im Videochat.

Die Einschränkungen bleiben: In meiner Freizeit gehe ich nach wie vor wenig vor die Tür. Dort wo es sich nicht vermeiden lässt, halte ich Abstand zu Menschen, beim Einkaufen und bei meiner nun fast täglichen Sport- oder Spazierrunde. Dabei versuche ich, so gut es geht, anderen Menschen aus dem Weg zu gehen. Und verzweifle oft genug, wenn andere Sporttreibende oder Spazierende es mit dem Abstand nicht so ernst nehmen.

Dann fällt mir ein, dass die Zeiten alles andere sind, als normal. Zeiten ohne Leichtigkeit.

Und was macht das alles mit mir?

Natürlich beschäftigt mich die Situation, ich informiere mich regelmäßig, ja, auch die Fallzahlen interessieren mich. Nichtsdestotrotz brauche ich aber auch Zeiten, an denen ich alles ausblenden kann. Das gelingt mal mehr, mal weniger gut.

Auch nach sieben Wochen ist keinesfalls eine Normalität eingekehrt. Zeitweise bemerke ich eine unbewusste Beklemmung, einen flachen Atem, ohne konkret zu wissen, was gerade anliegt.

Dann fällt mir wieder ein, dass die Zeiten alles andere sind, als normal. Zeiten ohne Leichtigkeit.

Was ich hoffe

Die Situation ist zwiespältig. Die Corona-Krise hat gezeigt, dass angesichts einer konkreten Bedrohung die Politik sehr schnell handeln kann und Maßnahmen, die das Leben aller betreffen sehr weite Akzeptanz finden. Ich hoffe, dass wir als Gesellschaft einige Lehren dieser Zeit mitnehmen können, um umso entschiedener als bis 2019 die Klimakrise anzugehen. Denn die Klimakrise wird eine weit größere Herausforderung mit weitreichenderen Konsequenzen sein, als derzeit die Corona-Krise.

Wer hätte gedacht, dass es möglich wäre, auf 90 % des Flugverkehrs, zumindest zeitweise, zu verzichten? Wer hätte gedacht, dass täglich Millionen von Fahrten zur Arbeit durch die breite Einführung des Homeoffice vermieden werden können? Dass Städte zusätzliche Fahrradwege anlegen, weil diese sich plötzlich auf dem wenigen Platz drängen, der dem Radverkehr vorbehalten ist. Hier hat sich gerade Deutschland mit einer schnellen Reaktion positiv verhalten. Es mussten nicht erst überfüllte Intensivstationen in den Nachrichten gezeigt werden, bevor ein Umkrempeln des Alltags von einer großen Mehrheit akzeptiert wurde. Das zeigt die Resilienz einer Gesellschaft. Auch wenn die große Zustimmung nach dem ersten Schock kippte und nun auch kritische Stimmen laut werden.

Was ich befürchte

Ein Begriff, der in den vergangenen Zeiten häufig fiel war 'systemrelevant'. Systemrelevante Berufe durften weiterhin arbeiten, Kinder von Eltern mit systemrelevanten Eltern durften ihre Kinder weiterhin in die Kinderbetreuung geben.

Aber: systemrelevante Berufe werden auch mit Applaus abends vom Balkon oder mit Sondervorstellungen von Promis im Livestream im Internet bedacht. Geld ist für große Unternehmen vorhanden. Freischaffende und im künstlerischen Bereich tätige fielen ganz aus dem Hilfsplan. Die Autoindustrie fordert eine neue Abwrackprämie, Theatern droht der Konkurs.

Persönlich trifft mich die Krise auch finanziell: In meiner selbständigen Nebentätigkeit standen mir keine Hilfen zu, die ist nur für hauptberuflich Selbständige. Derzeit ist es schwierig für mich, in meiner Selbständigkeit neue Aufträge zu bekommen, meine Marketingkonzepte greifen nicht mehr, ich suche nach neuen Stragien.

Eine andere Sorge gilt der Umweltkrise. Positiv ist, dass die Corona-Krise gezeigt hat, dass es möglich ist , Verhaltensänderungen durchzusetzen, wenn diese notwendig sind. Der Umwelt tut es derzeit auch gut, der Luftverkehr ruhte fast komplett, viele Fahrten wurden durch Arbeit im, Homeoffice vermieden, Videochats wurden zum Alltag.

Doch befürchte ich, dass es ein zeitliches Phänomen ist. Nach der Corona-Krise dürfte es schwieriger sein, Massnahmen gegen den Klimawandel umzusetzen. Selbst die bereits getroffenen Pläne zum Schutz unserer Lebensbasis vor irreparablen Umweltveränderungen könnten wieder revidiert werden. Die Wirtschaft wird sie wohl als Hindernis ansehen, ihre Verluste während der Corona-Krise wieder einzufahren. Welches Wort wird höheres Gewicht bekommen, das der Umwelt oder das der Wirtschaft? Kurzfristiges oder langfristiges Denken?

Erosion der Fakten

Eine weitere bedenkliche Tendenz ist derzeit die Erosion der Fakten. Dass weite Teile der Gesellschaft bereits so fest von kruden Theorien und Verschwörungen überzeugt sind, dass eine gemeinsame Basis der Argumentation nicht mehr existiert. Ich bekomme Beklemmungen, wenn ich sehe, dass 50.000 Menschen auf Demonstrationen gegen Einschränkung von Freiheitsrechten gehen, dabei aber Parolen von Impfgegner, Reichsbürger und Fanatiker gegen 5G-Netze auf Naziparolen treffen. Das ist eine bedenkliche Koalition gegen Vernünftige Regelungen in dieser Krise und gegen ein mönströses Etwas, das in unterschiedlichen Fantasiewelten und sozialen Blasen existiert.

Natürlich gibt es berechtigte Kritik an den aktuellen Maßnahmen, natürlich sind nicht alle logisch, sofort wirksam und bis ins Letzte bedacht, doch ist die Situation komplex genug, dass es nicht sofort stimmige Konzepte geben kann.

Ich befürchte, dass diese Krise die gesellschaftliche Erosion der Fakten beschleunigen wird. Eine gemeinsame Basis und einen Grundkonsens auf dem demokratisch gestritten werden kann, sehe ich schmaler werden.

Was ich erwarte

Wie wir als Gesellschaft aus der Corona-Krise herauskommen wird davon abhängen, wie lange die Einschränkungen dauern. Wann also ein Impfstoff, und wirksame Medikamente zur Verfügung stehen. Und die Anzahl der Krankenhausbetten auf Intensivstationen ausreichen.

Falls keine zweite Welle der Viruserkrankung kommt, könnte bereist im Juni alles weiterstgehend normal verlaufen, bis auf Großveranstaltungen und Auslandsreisen. Sogar mit Bundesligaspielen, wenn auch ohne Publikum.
Aber einem Inlandsurlaub und Restaurantbesuchen steht nichts mehr im Weg. Vielleicht öffnen auch Theater und Kinos.

Die Gesellschaft wird nach Corona eine andere sein, als davor. Es könnten einige positive Aspekte die Krisenzeit überdauern. Vielleicht wird eine neue internationale Solidarität entstehen, ich hoffe auf einen größeren Zusammenhalt in Europa.

Vielleicht werden wir uns den gemächlicheren Rhythmus des Lebens bis in die Zeit nach der Krise herüberretten, vielleicht nicht sofort in den nächsten Flieger nach Barcelona steigen. Und vielleicht bekommen die systemrelevanten Berufe neben der Anerkennung auch besseren Lohn.

In jedem Fall wird die allheilende Kraft des Marktes, der in vielen Ländern die Gesundheitsversorgung zum Opfer fiel, entzaubert sein.

Und vielleicht kann ich sogar nach der Krise noch regelmäßig im Homeoffice arbeiten.

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