Das Jahr hat mir zwei neue Bücher beschert, mit ihnen zwei Regionen und zwei unterschiedliche Ansätze: Wandern mit Märchen im Münsterland und (noch einen Band) Lost Places, diesmal in Sachsen-Anhalt. Eines thematisches Neuland, das andere inzwischen Routine, das eine eher im Feel-good-Sektor, das andere im Abenteuer-Tourismus. Was sie vereint: Geschichten an interessanten Orten.
Du hast die Wahl: Tierleid oder Tierwohl - Illustration mit KI erzeugt
Es gibt viele Dinge, die ich sehr gut nachvollziehen kann, wenn es um Skepsis gegenüber veganem Essen geht. Wirklich. Ganz ohne Ironie.
Was ich verstehe: die Macht der Gewohnheit
Menschen essen, was sie gelernt haben zu essen. Kultur, Kindheit, Familie – das prägt. Wer 30 Jahre lang gelernt hat, dass Wurst normal ist und Soja exotisch, der wird das nicht in drei Tagen überdenken. Das ist nachvollziehbar.
Was ich auch verstehe: das Wegschauen
Das ist menschlich. Wir alle haben Dinge, die wir lieber nicht so genau wissen wollen. Dazu gehört vor allem der Herstellungsprozess von tierischen Produkten – und welche Konsequenzen er für die „Produzenten“ hat. Das hat (zunächst) nichts mit Bösartigkeit zu tun, sondern mit Selbstschutz.
Achtung! Diese Pommes frites sind vegan und könnten Ihr Freiheitsgefühl gefährden! - Illustration mit KI erzeugt
Eigentlich war es ja gut gemeint. Die Deutsche Bahn kennzeichnete während einer Aktion zum veganen Monat Veganuary viele Produkte im Bordbistro als vegan. Auch Pommes frites – die ja in der Regel ohnehin rein pflanzlich sind. Doch anstelle von Werbung war es eher das Gegenteil: Die Kennzeichnung vegan schreckte offenbar eher ab, als dass sie für pflanzliche Kost geworben hätte. Das Label löste also keine Begeisterung aus, sondern Reaktanz.
Am Anfang war der vegane Aufschnitt – aus Weizenprotein und Erbsen. Wichtig war die Wiedererkennbarkeit des Vertrauten. Doch wer länger vegan lebt, entdeckt bald: Das wahre Glück liegt nicht in der Reproduktion von Aufschnitt, sondern in der geeigneten Form für die neuen Inhaltsstoffe. Für mich ist es der Aufstrich – ein Plädoyer für pürierte Bohnen, kreative Resteverwertung und den Mut, das Floß am Ufer zurückzulassen.
Ein geselliger Abend im Restaurant, ein fröhliches Treffen im Bekanntenkreis – für Veganer*innen kommt es dabei regelmäßig zu einem heiklen Moment: Beim suchenden Blick auf die Karte: Gibt’s hier auch was Veganes? Oder beim Zusammenstellen des Essens aus veganen Komponenten.
Oft ist die Auswahl überschaubar. Manchmal muss man sich das Gericht wie ein Mosaik zusammensetzen: „Salat nur mit Essig und Öl, Gemüsebeilage, aber bitte ohne den Frischkäse-Dip, und noch eine Portion Pommes frites – und das Brot vielleicht extra …?“ Voilà, Bestellung geglückt. Der Kellner schaut schon etwas genervt, die anderen Gäste haben alle die 132, 87 oder 16b bestellt.
Häufig, wenn ich erwähne, dass ich mich vegan ernähre, stellt mein Gegenüber überrascht die Frage: „Warum machst du das?“
Doch während ich noch innerlich meine Gründe sortiere – einen passenden auswähle, der sowohl zur Situation als auch zur vermuteten Bereitschaft meines Gegenübers passt – höre ich schon den Startschuss zu einem kleinen Monolog:
„Also, ich könnte das ja nicht! Das ist doch ganz schön extrem. Aber Avocado! Und die ganzen Zusatzstoffe! Und es soll doch auch schmecken! Darf man denn gar nichts mehr genießen, außer Salat? Oder isst du lieber Gras? Haha, war nur ein Scherz, aber sag doch mal…“
Sojabohne schreit um Hilfe: "Rettet uns, wir werden geerntet!"
Früher oder später, wenn das Gespräch auf vegane Ernährung kommt, höre ich es, den Scherz, den Einwand, den Vorwand: „Aber Pflanzen haben doch auch Gefühle!“
Er klingt ja ganz witzig, eigentlich harmlos, sogar tiefsinnig – ist aber in den meisten Fällen kein Einwand, sondern ein Vorwand. Oder nur eine Nebelkerze, um sich nicht auf eine ernsthafte Diskussion über Tierleid einlassen zu müssen. Ein Einwand wäre ein ernst gemeintes Argument, ein Versuch, sich argumentativ mit Moral oder Geschmack auseinanderzusetzen. Ein Vorwand hingegen ist eher der Versuch, die Ausrede, sich nicht verändern, sich nicht einlassen zu müssen.
Viele Varianten: auch als Tofu-Curry mit Reis sehr köstlich
Einer der klassischen Einwände gegen vegane Kost, oder vielleicht eher ein klassischer Vorwand, den ich häufiger höre, ist, dass Tofu angeblich nicht schmecke. Fade, nach nichts, wie Pappe, wie Gips, wie ein mundvoll Schleim. Tofu, das sei doch Leitungswasser mit etwas Konsistenz, die kulinarische Luftpolsterfolie. Wenn das die heilig gepriesene Alternative zum geliebten Steak sein soll – wie könne man dann bitte auf Fleisch verzichten? Und überhaupt: Wird für den Sojaanbau nicht der Regenwald abgeholzt? Von wegen vegan sei gut für die Umwelt. So doch nicht!
Durchatmen. Mein Gegenüber grinst überlegen. Noch mal davongekommen?
Die Pizza dampft. Frisch geholt von der Bring- und Abholpizzeria um die Ecke. Belegt ist sie mit Brokkoli, Knoblauch in Öl und Soja-Stückchen, die vegane Filetstreifen heißen. Oben drauf schmiegt sich der vegane Pizza-Schmelz, der nicht Käse heißen will, an den Belag. Erstaunlich wohlschmeckend und alles in vegan. Ich sitze auf der Terrasse im Garten, schaue in die Ferne und bin mit mir und der Welt im Reinen. Kurz darauf höre ich meine Nachbarin sagen, sie müsse noch in die Stadt, „zum Metzger“.
Eines der Dinge, die Herr H. nicht verstand, waren diese Gärten. Vorgärten, wie sie in den Vorstädten und Siedlungen irgendwann überhandnahmen. Grauer Schotter, adrett drapiert, formgeschönte Büschlein, akribisch eingepferchte Wege. Gärten aus Steinen. Steingärten.
Eigentlich dürfte nichts, was aus Sicht eines Schmetterlings eine Wüste genannt werden müsste, den Namen Garten verdienen, befand Herr H.